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Planet India

#36 ¦ 04.2004

Mit Beiträgen von Achim Wetter, Alexandra Schneider, Brian Larkin, Vinay Lal, Myriam Alexowitz, Shanti Kumar und einem Gespräch mit Vishal Bhardwaj.
Zu Straßburg auf der Schanz (1934) von Franz Osten

Importmodell Heimatfilm

Von Achim Wetter Quietschbunt und verspielt, ungestüm und mit vergleichsweise naiv daher kommenden Geschichten eroberte sich das indische Mainstreamkino in den letzten Jahren eine wachsende Fangemeinde rund um den Globus. Kino, dem man ansieht, daß es sich über viele Jahrzehnte hinweg gänzlich unbehelligt und vom Weltmarkt vollkommen abgeschottet entfalten konnte.

Bollywood liefert Kino, das man aus auf den ersten Blick gern als hochentwickelte, aber auch denkbar fremde und kuriose Sonderform einer auf die nationalen Besonderheiten zugeschnittenen kinematografischen Popkultur charakterisieren mag. Steigende Nachfrage nach wenig sinnstiftender, dafür aber um so exotischerer Unterhaltungsware und unübersehbare Infantilisierungstendenzen in den Massenmedien der Industrienationen bereiten dem leicht konsumierbaren Bollywoodkino jedoch auch hier einen immer idealer werdenden Nährboden. Ebenso auffällig wie extrem sind dabei die Unterschiede zwischen der Vermittlung indischer Lebensrealitäten über diese genuin indischen Filmprodukte und den in der Regel mit sozialkritischem, mystischem oder erotischem Exotismus angereicherten, »indisierten« Derivate der sogenannten »non-residential-indians«, die den Blick auf das Land noch bis in die späten 90er Jahre prägten. Wandten sich Regisseurinnen wie Deepa Mehta oder Mira Nair noch an ein bürgerlich gebildetes Autorenfilmpublikum, so integrieren die großen Produzentenkonglomerate Indiens immer selbstbewußter auch das westliche Massenpublikum in ihre Planungsstrategien. Erfolge dieser Bemühungen scheinen auf lange Sicht gar nicht so unwahrscheinlich, denn die Geschichten, die Bollywood seinem Publikum liefert, müssen vor allem leicht verständlich sein, um im kulturell inhomogenen Heimatland eine möglichst große Zielgruppe anzusprechen - kulturelle Universalität, die sich in einer globalisierten Welt durchaus als Vorteil erweisen könnte.

Letztendlich leicht zu verdauende Geschichten über Ehre und Stolz (zumeist männlich), über Hingabe und Opferbereitschaft (in der Regel weiblich) in recht schematisch konstruierten und mit jeder Menge Konfliktherden ausgestattete Dramen mit unverkennbar kathartischer Zielsetzung sind auch dem westlichen Kino nicht fremd. Der überschaubare soziologische Rahmen der (Groß-) Familie, Figurensterotype, die Beteiligung eines Geistlichen, dem eine Sonderfunktion zukommt, Generationenkonflikte, die aus dem Aufeinandertreffen von Konservativismus und revolutionärem Ungestüm, zuweilen gepaart mit jugendlicher Romantik entstehen und die Entscheidung zwischen einer Liebesheirat und dem elterlichen Zwang, den eigenen Besitz und den sozialen Stand zu sichern, sind allesamt Attribute, die nicht nur das indische Blockbusterkino charakterisieren, sondern gleichermaßen auch ein in Deutschland lange Zeit produziertes Genre, den deutschen Heimatfilm.

Ebenso passend wie um die starren Hierarchiekonstruktionen in bäuerlichen Alpenregionen und die konservativ-kleinbürgerlichen Gesellschaftsentwürfe der Wirtschaftwunderjahre schmiegt sich das Heimatfilmkonzept dabei um den verknöcherten Dogmatismus des indischen Kastenwesens. In Deutschland feierte der Heimatfilm in unzähligen Manierismen bis in die 70er Jahre hinein ungeahnte Erfolge, die sich, und hier wird ein weitere Bezugspunkt zum aktuellen Bollywoodkino deutlich, ebenfalls ganz elementar auf die enge Verzahnung mit der damals boomenden Musikindustrie gründeten. Gesangseinlagen von Schlagerstars blieben über viele Jahre hinweg ein integraler Bestandteil der Vermarktungstrategien fürs deutsche Heimatfilmgenre. Ein möglicher Erklärungsansatz dafür, daß sich aktuellere indische Produktionen wie Sometimes Happy - Sometimes Sad als Versionen ein und desselben »Heimatfilmmodells« interpretieren lassen, findet sich dabei in der Frühphase der beiden nationalen Filmgeschichten. Bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges waren Kooperationen zwischen den beiden Ländern nämlich durchaus nicht ungewöhnlich. Allen voran die Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen Franz Osten und einem vom Kino besessenen ehemaligen Rechtsanwalt, dem die indische Filmgeschichtsschreibung seinen Platz im Olymp der Filmpioniere längst zugewiesen hat, Himansu Rai.

Als sich die Emelka, die von den Brüdern Peter und Franz Ostermayr in Geiselgasteig gegründeten Vorläuferfirma der Bavaria-Film entschloß, auf Rais drängen hin ein Projekt zu verwirklichen, das unter dem Titel Die Leuchte Asiens 1925 weltweit für Furore sorgen sollte, war kaum abzusehen, daß dies für den Regisseur Franz Ostermayr, der seinen Nachnamen zur besseren Unterscheidung in »Osten« verkürzte, der Beginn einer über viele Jahre andauernden deutsch-indischen Kooperation sein würde. Der Leuchte Asiens folgten zwei weitere Stummfilme des Teams Osten/Rai - aufgrund eines finanziellen Zerwürfnisses allerdings mit Geldern der UFA. In den Folgejahren konzentrierte sich Rai auf die Verwirklichung seines Traums eines eigenen Filmstudios, den er sich 1935 mit der Gründung der »Bombay Talkies« erfüllte. Ein Studio, das gedacht war als indische Kaderschmiede - unter der Anleitung eines erfahrenen Teams deutscher Filmemacher, deren Arbeit Rai in den drei Stummfilm-Kooperationen zu schätzen gelernt hatte. Osten, der derweil in Deutschland für die Tobis, die Bavaria, Leo, Carl-Froelich und Ideal Filme wie Im Banne der Berge, Der sündige Hof und Der Judas von Tirol oder Zu Straßburg auf der Schanz realisiert hatte, griff zu, als Rai ihm sein Angebot unterbreitete. Zusammen mit dem Kameramann Josef Wirsching, dem Laboranten Wilhelm Zolle und dem Filmarchitekten Karl Graf von Spreti siedelte er nach Indien um und organisierte den Produktionsbetrieb in Bombay mit mehr als 400 Mitarbeitern nach deutschem Vorbild. Rais Prinzip einer indischen Vorzeige-Produktionsstätte ging auf, viele bekannte Fil persönlichkeiten Indiens wie Ashok Kumar, Raj Kapoor, Dilip Kumar und S. Mukherjee begannen hier ihre Karrieren. Die »Bombay Talkies« entwickelten sich schnell zu einer der tragenden Säulen der indischen Filmindustrie, Für einige der insgesamt 16 Filme, bei denen Osten für die Regie verantwortlich zeichnete, erhielten die »Bombay Talkies« höchste Auszeichnungen, bevor die fruchtbare Zusammenarbeit am Tag der britischen Kriegserklärung 1939 mit der Internierung der Deutschen ein jähes Ende fand.

Vor allem Geschichten aus der indischen Mythologie, die in allen Landesteilen Indiens auch bei ungebildeteren Schichten präsent und als Filmfassungen in der Lage waren, zwischen den einzelnen Sprachkolonien zu vermitteln, spielten in der Frühphase des indischen Tonfilmkinos eine entscheidende Rolle. Zur zweiten narrativen Quelle entwickelten sich sozialkritische Dramen, die sich mit gesellschaftlichen Problembereichen wie dem indischen Kastensystem auseinandersetzten. Diese beiden narrativen Strömungen und ihre Kombination bildeten in besonderem Maße die Grundlage für die Etablierung eines gesamtindischen Kinogeschmacks - und die Vermischung von Mythologie und Sozialdrama wurde schnell zum Markenzeichen der »Bombay Talkies«. Der Beitrag, den Franz Ostens Regiearbeit in dieser frühen Tonfilmphase leistete, wird in Indien tendenziell dem Firmenchef Himansu Rai zugeschrieben, während Ostens Einfluß auf die Entwicklung des frühen indischen Kinos hierzulande wohl vor allem deshalb kaum wahrgenommen wurde, weil weder seine Filme, noch seine Erfolge bis nach Europa vordrangen. Ein Schicksal, das Franz Osten etwa mit Paul Zils teilt, der in Indien vor allem im Dokumentarfilmbereich, in den frühen 50er Jahren aber auch im Spielfilm Erfolge verbuchen konnte. Allein die Tatsache, daß es Osten gelang, sein Regiekonzept so übergangslos, fast ohne Veränderungen und vor allem so erfolgreich in diesen so fremden Kontext zu überführen, läßt darauf schließen, daß Osten in besonderem Maße an der Ausbildung eines indischen »Heimatfilmgenres« beteiligt war. Nicht nur die Ursprünge einer Filmkultur, die sich heute im »Bollywoodkino« äußert, sind ganz sicher stärker mit der deutschen Filmgeschichte verwoben, als es die augenfälligen Unterschiede zunächst vermuten lassen. 2004-10-01 16:29

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