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Helden II: Die dunkle Seite

#33 ¦ 01.2004

Mit Beiträgen von Daniela Franke, Stefan Höltgen, Boris Groys, Rüdiger Suchsland, Andrea Mirbeth und Gesprächen mit Peter Lohmeyer und Heike-Melba Fendel.
Terminator (1984) von James Cameron

Wie das Böse Gutes schafft

Von Daniela Franke Schon ein flüchtiger Blick auf populäre Filmhelden wie Batman, James Bond oder auch Sam Spade ruft sofort auch die Erinnerungen an deren Gegenspieler hervor wie Joker, Penguin, Dr. No, Goldfinger oder die zwielichtige Zwangsgemeinschaft auf der Jagd nach dem Malteser Falken. Es drängt sich die Vermutung auf, daß der Held ohne den Schurken nicht existieren kann. Denn erst ein genialischer Bösewicht schafft eine richtig gute Handlung. Dabei geht die Verbindung zwischen Held und Gegenspieler in den interessanten Fällen über die reine Opposition hinaus.

»Das erfolgreiche Verbrecherhirn ist immer überlegen. Zwangsläufig!« Dr. No

Das Bild vom Helden beruht auf seinen Funktionen als Retter und Ordnungsinstanz. Die Aufgabe des Helden ist es, Personen zu retten, Katastrophen zu verhindern, Verbrechen aufzuklären, Ordnung wiederherzustellen. Er wird von einer Mission getrieben oder handelt im Auftrag. Der Initiator dieser Situationen, die ein Eingreifen des Helden fordern, ist der Gegenspieler. Konsequenterweise läßt sich der Gegenspieler daher als Auslöser und bestimmender Faktor der Filmhandlung lesen. Diese Figur bestimmt den Handlungsverlauf, der Held kann nur reagieren. Die Gegenspielerfigur ist zudem meistens die schillerndere, sie verfügt über eine komplexere Biographie, handelt meist selbständiger und ehrgeiziger, und in vielen Fällen wird ihr hohe Intelligenz, Bildung oder Kultiviertheit zugesprochen. Oft stellt der Schurke damit eine durchaus attraktive oder zumindest faszinierende Alternative dar, sozusagen eine Versuchung. Es wird schnell klar, daß der »ewige Kampf Gut gegen Böse« in der Form der reinen Opposition schnell langweilen würde und gerade die Grenzüberschreitungen die spannenden Momente sind.

So steht James Bond in seiner Funktion als Geheimagent der britischen Regierung zunächst ganz klar in Opposition zu den Bösewichten. Bond handelt also im Auftrag, aber die größten Schurken fordern explizit ihn am liebsten heraus, da er als einzig angemessener Maßstab erscheint. Dabei leisten die Gegenspieler nicht nur einen unentbehrlichen Beitrag zum Bestehen der Filmreihe, sondern tragen konstant zur Ausgestaltung von Bonds Image bei.

»Ich bin dein Produkt, und du bist mein Produkt.« Batman zu Joker

Tim Burtons Batman zeigt die wechselseitige Bedingtheit von Gut und Böse durch die Entstehung der gespaltenen Persönlichkeiten der Hauptfiguren Batman und Joker. Sie haben einander geschaffen. Doch mit dem Sieg über Joker hat Batman zwar den Tod seiner Eltern gerächt, seine Traumatisierung dagegen ist nicht überwunden. Batman existiert weiter.

Im Falle der beiden Terminator -Filme von James Cameron wiederum fällt die variable Verwendungsmöglichkeit einer dominanten Figur auf. Der T-800 des ersten Teils wird in der Fortsetzung an die Seite von John und Sarah Connor gestellt. Die Filme gliedern sich auf eingängige Weise in die Verwobenheit von Held und Gegenspieler ein, wenn man als Helden aller Teile John Connor annimmt und als grundsätzlichen Antagonismus den klassischen von Mensch gegen Maschine. Siegt im ersten Teil die menschliche Sarah, so gelingt im zweiten Teil dem technisch unterlegenen T-800 der Sieg über den T-1000 durch die Vermenschlichung, die ihm John und Sarah angedeihen lassen.

Aber es kann durchaus geschehen, daß der Retter zu spät kommt und eine Katastrophe nicht mehr zu verhindern ist. Daher lohnt es sich auch, einen Blick auf die ermittelnden Helden zu werfen. Hier ist es nicht Bedrohung, sondern die bereits begangene Tat, die die Helden auftreten läßt und die Handlungsstruktur bestimmt. An einer Reihe von Filmen läßt sich beobachten, wie es über persönliche Implikationen, die bei Batman bereits erwähnt wurden, zur immer engeren Verbindung zwischen Ordnungsinstanz und kriminellen Gegenspielern kommt.

John Huston präsentiert in The Maltese Falcon den archetypischsten aller Film noir-Ermittler, Sam Spade. Der Film noir unterscheidet sich bereits eindeutig vom klassischen Krimi, in dem der Fall meist auf Basis von logischer Beweisführung gelöst wird. Sam Spade zeigt aber schon die erste Stufe persönlicher Betroffenheit, da er sich verpflichtet fühlt, den Mord an seinem Partner Miles Archer aufzuklären. Weitere Verwicklungen ergeben sich durch die verschiedenen Personen, die auf der Jagd nach dem Falken sind. Sam gelingt letztlich die Aufklärung des Falls, indem er es schafft, seine Distanz zu wahren. Die Film noir-Figur Sam Spade ist dem Genre gemäß keine fehlerlose Heldenfigur mehr, denn seine persönlichen Meinungen und Motivationen gehen über reine ermittelnde Logik hinaus. Aber gerade seine persönlichen Überzeugungen machen ihn für die anderen unberechenbar.

»Ich verhelfe Ihnen zu dem, was Sie am meisten wollen: Karriere.« Hannibal Lecter zu Clarice Starling

In Silence of the Lambs will Clarice Starling zunächst ihre Distanz gegenüber Hannibal Lecter wahren. Aber ihr Ehrgeiz und Lecters verführerisches Angebot, ihr zur Karriere zu verhelfen, läßt sie auf sein Quid-quo-pro Spiel eingehen. Sie ist bereit, Lecter persönliche Dinge, vor allem das titelgebende Jugendtrauma, zu offenbaren. Im Gegenzug unterrichtet er die junge FBI-Agentin weiterführend in Psychologie und lehrt sie, sich in das psychopathische Denken des gesuchten Frauenmörders Buffalo Bill einzufühlen, was sie letztlich zur erfolgreichen Beendigung ihres Auftrags führt. So funktioniert die Figur Clarice Starling in dieser Reihe als Beispiel für die Vereinigung des Bösen mit dem Guten.


»Als ich sagte, daß ich Sie bewundere, habe ich das ernst gemeint.« John Doe zu David Mills

Im Gegensatz zu Clarice, die am Ende des Films erfolgreich den Fall gelöst und scheinbar die erträumte Karriere vor sich hat, scheitert David Mills, der eine Part des Ermittlerduos aus Seven, gerade daran. Zusammen mit seinem resignierten, kurz vor der Pension stehenden Partner William Somerset wird er in die Ermittlungen um die Serienmorde des John Doe verwickelt. Gerade beim ersten Fall am neuen Arbeitsort möchte sich Mills besonders profilieren. In einem Gespräch zwischen den beiden gegensätzlichen Detectives thematisiert dies Somerset ganz explizit. »Am liebsten wollen Sie ein Held sein. Sie wollen der große Champion sein.« Die ausdrückliche Bewunderung seitens John Doe ist die perfide Erfüllung seines Wunsches. Am Ende des Films schafft dieser eine unlösbare Verbindung zwischen sich und Mills, indem er die Manifestationen der zwei letzten noch fehlenden Todsünden Neid und Zorn sich selbst und Mills zuordnet. Da auch Somerset am Höhepunkt des Films Mills nicht mehr zurückhalten kann, Doe zu erschießen, obwohl er ihn darauf hinweist, daß dies dessen Ziel sei, trägt Mills schließlich zur Vollendung des Meisterwerkes bei. In diesem letzten Beispiel ist damit nicht nur die Handlung vom Täter vorgezeichnet, sondern die bisher bestehende Barriere zwischen Täter, Opfer und Ordnungsinstanz ist im Sinne des Initiators aufgehoben.

All diese Helden und Gegenspieler zeigen, daß der eine ohne den anderen nicht existieren kann. Doch es läßt sich beobachten, daß es ohne den Impuls, der von der bösen Kraft ausgeht, viele Helden einfach nicht gäbe. Der Abschluß der Matrix -Trilogie bringt das Verhältnis auf den Punkt, als das Orakel erklärt, daß Neo und Smith als die positive und negative Seite einer Gleichung zu verstehen sind, die nötig sind, um sie im Gleichgewicht zu halten. Ohne das dramaturgische Element des Kontrollverlusts über das Programm Smith hätte es diese Filme in dieser Form nicht gegeben. 2004-01-01 12:17

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