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Synchronisation

#29 ¦ 01.2003

Mit Beiträgen von Chris Wahl, Michael Wedel, Joseph Garncarz, Thomas Bräutigam, Thomas Herbst und einem Gespräch mit Rainer Brandt.

Die doppelte Täuschung

Das Wesen der Synchronisation

Von Chris Wahl Betrachtet man den Film als ein Medium der Täuschung, erweist sich die Synchronisation als seine ideale Partnerin: Sie täuscht eine Einheit vor, die gar nicht existiert. Ist das der Grund für ihren anhaltenden Erfolg? Eine Einführung.

Mit der Ersetzung des Stummfilms durch den Tonfilm wurde Ende der 20er Jahre der entscheidende Schritt für einen Paradigmenwechsel im Kunstverständnis getan: Konnte sich Kunst bis dahin definieren als eine Darstellung von Ausschnitten aus der Realität, die gerade durch ihre Defizite in Bezug auf diese Realität (also z.B. das Nicht-Vorhandensein von Ton) die Phantasie des Betrachters zu einem anderen Verständnis seiner Wirklichkeit motivieren können, so beginnt mit dem Tonfilm das Zeitalter der audiovisuellen Kunst, deren Hauptanliegen das Vortäuschen einer Realität ist, die der bekannten so sehr gleicht, daß sie sie in letzter Konsequenz irgendwann ersetzen kann.

Das entscheidende Element dieser Illusionsleistung ist die verbale Sprache, da sie es ist, die unser Erleben dominiert, im wahren Leben wie auch im Film. Verbale Sprache ist unser vorrangiges Kommunikationsmittel und durch sie kommunizieren auch die Filme mit uns. Visuelle Botschaften oder Mitteilungen auf einer anderen Ebene der Tonspur (Geräusche und Musik) stehen immer in direktem Bezug zur verbalen Tonspur und werden vom Zuschauer generell über diese entschlüsselt. Dies ist natürlich eine Regel mit Ausnahmen, aber es ist die Leitlinie der Rezeption.

Das Verzwickte mit der verbalen Sprache ist nun aber, daß sie zwar einerseits gegenseitiges Verständnis ermöglicht und durch sie Verstehbarkeit erzeugt werden kann, daß sie aber an-dererseits aufgrund ihrer Funktionsweise (arbiträre Zuordnung von Zeichen und Bezeichnetem; keine Präzision, sondern nur Annäherung in der Beschreibung der inneren Zustände des Äußernden) das wechselseitige Verständnis nur vortäuscht. Überall wo verbale Sprache auftritt, veranlaßt sie deren Sprecher, von einer möglichen Verständigung auszugehen, obwohl die Erfahrung zeigt, daß trotz bester Sprachkenntnisse zweier Sprecher, tieferes Verständnis keineswegs vorprogrammiert ist und daß non-verbales Verständnis durchaus verbales Verständnis übertreffen kann.

Diesen Paradigmenwechsel in der Kunstbetrachtung, der den wahren Hintergrund der Kunstkrise unseres Zeitalters darstellt, haben einige sensible Geister vorausgesehen, als sich zu Beginn der 30er Jahre der »Sprechfilm« (also Dialogfilm) durchzusetzen begann: einer der unnachgiebigsten war Rudolf Arnheim, bekannt durch sein Standardwerk zur Ästhetik des Stummfilms »Film als Kunst«. Er pochte darauf, daß verbale Sprache nie die dominante Rolle im Film übernehmen dürfe, weil er voraussah, wie sehr dies die eigentlichen Möglichkeiten der audiovisuellen Kunst einengen würde.

Mit dem Dialogfilm stellte sich auf einmal die Frage der Verstehbarkeit eines Filmprodukts auf dem externen Filmmarkt. Die verbale Sprache wurde als Hindernis für die Exportierbar-keit eines Films gesehen. Die angeblich universale Verständlichkeit des Stummfilms war durch das Wort gebrochen. Schnell jedoch – so wird der Sachverhalt allgemein dargestellt – fanden sich Lösungen für dieses Problem, von denen sich besonders die Untertitelung (siehe unser Themenheft Nr.21 1/2001) und die Synchronisation durchgesetzt haben. Diese Sichtweise ist nicht ganz logisch. Ein so großes Hindernis wie die Sprache sollte durch einen einfachen Trick nicht nur ausgeräumt, sondern gar in einen Vorteil umgewandelt worden sein? Tatsächlich ist es ja so, daß der US-amerikanische Film in der Tonfilmzeit eine viel größere Dominanz auf dem Weltmarkt innehat, als es je zu Stummfilmzeiten der Fall gewesen war. Logischer wäre also zu sagen, erst die verbale Sprache habe dem Film die Möglichkeit zur totalen Internationalisierung gebracht.

Wie kann das sein? Der Schlüssel zum Verständnis liegt in diesem Fall in Deutschland, vor der Einführung des Tonfilms der größte Rivale Hollywoods auf dem Filmweltmarkt. Als nach dem Untergang des Nazi-Reiches wieder US-Spielfilme auf den deutschen Markt kamen, wurden sie von Beginn an synchronisiert. Tatsächlich setzte sich die Synchronisation erst jetzt vollständig durch. Mit den 50er Jahren kam auch die zahlenmäßige Dominanz von Hollywood-Produktionen auf dem deutschen Markt wieder; die heute als selbstverständlich betrachtete größere Beliebtheit dieser Filme kam allerdings erst mit den 70er Jahren. Gleichzeitig begann man in Deutschland langsam damit, die eigene Filmproduktion auf zweitklassige Hollywood-Imitationen umzustellen. Der Bezug zur eigenen kulturellen Tradition ging verloren.

Die Synchronisation, bei der (in der Regel) nur die Stimme der Sprecher ausgetauscht wird, hatte in der Zwischenzeit ihre ganze Kraft demonstriert: Der Unterschied zwischen einem ausländischen Film in Originalfassung und einem anderen in synchronisierter Fassung ist zunächst nicht der, daß ich diesen verstehe und jenen nicht, sondern daß mir suggeriert wird, diesen zu verstehen und jenen nicht. Deswegen bleibt man bei einem Film im Originalton automatisch nicht nur gegenüber der fremden Sprache mißtrauisch, sondern auch gegenüber den Inhalten, die sie vermittelt, und gegenüber den anderen auditiven und visuellen Zeichen. Bei einem synchronisierten Film dagegen geht der Zuschauer instinktiv davon aus, einen deutschen Film vor sich zu haben. Dadurch wird nicht nur die schleichende Veränderung der deutschen Sprache ermöglicht (Synchron-deutsch), sondern auch die langsame Durchsetzung der eigenen Kultur und Tradition durch eine fremde.

Die Synchronisation betäubt also unsere Aufmerksamkeit und täuscht durch einfaches Austauschen der Stimmen eine Einheit vor, die gar nicht existiert. Insofern ist sie ihrem Wesen nach der ideale Partner für den Film, der ebenso ein Medium der Täuschung ist. Sie ist auf der einen Seite in der Lage, kulturelle Werte – und indirekt sogar die Sprache – einer Nation bei einer anderen durchzusetzen und kann auf der anderen Seite die Tradition einer Nation schleichend untergraben. 2003-01-01 15:37

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