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Sieghardt Rupp

#23 ¦ 03.2001

Mit Beiträgen von Fritz Göttler, Oliver Baumgarten, Harmut Bitomsky, Isabella Reicher und Frank Arnold.
Rupp läßt sich nicht in die Karten schauen: Unter Geiern

Kein Platz für Sympathie

Von Oliver Baumgarten Waren deutsche Schauspieler nach dem Krieg auf das Schurkische abonniert, so führte sie das zumeist unweigerlich auch zum europäischen Western der 60er Jahre. Sieghardt Rupp, dessen Charaktere nicht selten fremdländischer Provenienz waren, hatte nicht unerheblichen Anteil an der Verschärfung der Karl May-Reihe, ehe er bei Leone seinen persönlichen Western-Höhepunkt erlebte – als Mexikaner.

Als 1959 Vertreter der Rex Filmproduktion Sieghardt Rupp auf der Bühne des Wiener Volkstheaters in einer Inszenierung von Wolfgang Liebeneiner entdeckten, da war alles noch ganz anders geplant. Das neue Gesicht wurde kurzerhand umgetauft – als Tommy Rupp sollte der junge Österreicher fortan Frauenherzen von der Leinwand herab erobern. Ein bißchen halbstark, mit naßforschen Zügen und hübsch portioniertem 50er-Sexappeal hoffte man, Rupp zu einem Mädchenschwarm aufzubauen – vielleicht nicht gleich in der Liga eines Horst Buchholz, aber mit Peter Kraus hätte er es schon aufnehmen können.

Doch die Schlager- und Jugendfilme fanden künftig ohne Sieghardt Rupp statt. Seine romantische Seite ist nie diejenige geworden, mit der er im Film Erfolg haben sollte. Ein weiterer Versuch in diese Richtung 1960 mit Am Galgen hängt die Liebe von Edwin Zbonek, in dem Rupp einen griechischen Partisanenkämpfer spielt, in folkloristischer Uniform und voll des Stolzes, eine treue Seele, die sich unglücklich verliebt, dieser Versuch blieb blaß. Und so wies Zboneks Film auf eine Kontinuität hin, die Rupp im Heimatfilm und in späteren Phasen ereilen sollte. Er wurde zu einem veritablen Bösewicht, einer, der das Fremde verkörpert und der, wenn er seine Augenlider senkt, seine Leinwandenergie zu bündeln versteht, der mit seiner scharf hervorgepreßten Stimme von Arglist bis hin zu purer Aggression alles intonieren kann, was ihn ins Zwielicht des Betrachters zu rücken vermag.

Es kommt nicht von ungefähr, daß Sieghardt Rupp ausgerechnet 1964 in Unter Geiern seinen ersten Karl May-Auftritt absolvierte. Nachdem sich seit über zwei Jahren in den Bergen Jugoslawiens diverse Aufnahmeteams buchstäblich gegenseitig auf die Füße getreten haben, um die deutsche Westernwelle ins Rollen zu bringen, übernahm in Unter Geiern erstmals bei einem May-Western Alfred Vohrer den Regiestuhl von Harald Reinl. Die von Horst Wendlandt intendierte Konsequenz dessen lag auf einer deutlichen Abkehr vom Moralischen und einer Entmystifizierung der Rituale, die sich unter Reinl entwickelt hatten. So wurde beispielsweise die stocksteife und todernste Begrüßungszeremonie zwischen Lex Barker und Pierre Brice durch den erstmaligen Auftritt Stewart Grangers geradezu lächerlich gemacht, indem dieser dem arg befremdeten Winnetou um den Hals fällt, was dann aussieht, als klammere sich ein Pirat an den Mast seines untergehenden Schiffes. Dieser neue Ton, den die Serie anschlug, begünstigte die Besetzung Sieghardt Rupps als Gegenspieler. Das halbwegs Ehrenhafte von altgedienten Übeltätern wie Herbert Lom oder Mario Adorf wich nun endgültig einer Figur, die sich – auch und gerade im Bild – letzter moralischer Regeln entsagt, ein Desperado, dem Rupp keinen Platz für Sympathie einräumt.

Ein Reiter stürmt vor das Hauptquartier der Geier-Bande. »Wo ist der Chef?«, ruft er atemlos und stürzt in den Saloon. Am Fuß der Treppe steht er, George Preston, flankiert von seinen gesichtslosen Bandenmitgliedern. In einem knappen Tresengespräch offenbart sich das Versagen des Boten, und mit einem dezent sadistischen Lächeln legt ihn Preston um. Als ein Zweiter fliehen will, trifft ihn Preston in den Rücken, die Kamera zeigt von vorne, wie der Wehrlose nach kurzem Todeskampf schlaff durch die Schwingtüren nach draußen fällt. Das plötzliche Schweigen unter den hartgesottenen Brüdern, die Prestons ruppige Machtdemonstration mit Unbehagen zur Kenntnis nehmen, unterstreicht den Ausdruck der Befriedigung bei ihm. Rupp bleckt leicht die blendend weißen Zähne, die inmitten des schwarzen Vollbartes ein Zigarillo halten. Seine nachgefärbten Augenbrauen dulden keinen Widerspruch.

Diese Einführung etabliert Rupp als bis dato herzlosesten Gegenspieler der May-Helden. Sein breites, herrschsüchtiges und selbstgefälliges Zähneblecken, die sacht gebückte, windige Körperhaltung und sein bellender Befehlston transportieren einen Sadismus in den Film, der fortan den Ton der Reihe zunehmend bestimmen sollte. Inmitten seiner Leute wirkt Preston wie ein autoritärer Erzieher. Ständig schlägt er ihnen auf die Finger, raunzt sie an und ist genervt ob ihrer Infantilität, ganz so, als wolle er sie zu der Coolness erziehen, die im europäischen Western später einmal sprichwörtlich werden sollte. Und in der Tat fällt gerade in den Szenen zwischen Rupp und – beispielsweise – Kraftpaket Götz George auf, daß sich Rupp, vornehmlich Theaterschauspieler, vergleichsweise zurücknimmt und – was die Gestik anbetrifft – seine Charakterisierung für deutsche Verhältnisse stark reduziert. Daß sich dies angesichts des Meisters im Dead-Pan-Acting allerdings geradezu als Overdoing ausnimmt, erfährt Rupp noch im selben Jahr.

Götz George erzählt gerne in Interviews davon, daß ihm Sieghardt Rupp einst von Dreharbeiten in Italien berichtete. Dort habe Rupp einen Film gemacht mit einem amerikanischen Schauspieler, der nur noch mit Hanteln trainiert habe, und einem italienischen Regisseur, der permanent mit einem weißen Hut herumgelaufen sei, weil er sonst einen Sonnenbrand bekäme, und der den Amerikaner ständig auf Knien gebeten habe, er solle doch wenigstens eine kleine Reaktion im Gesicht haben, wenn er den Saloon betrete. Doch der sei immer wieder mit dem gleichen Gesichtsausdruck reingekommen. Das Ergebnis fiel am Ende für Rupp als Offenbarung aus, und die Rolle in Per un pugno di dollari entpuppte sich als die Krönung seines Rollenfachs. War sein Sadismus in Unter Geiern für einen deutschen Western erstaunlich, so durfte Sieghardt Rupp bei Sergio Leone diese Interpretation auf die Spitze treiben. Als Esteban, jüngster der Rocco-Brüder und von Volonté nur »Bübchen« genannt, schmatzt er am Kautabak und gibt sich vollends einem Gleichmut hin, der sich endlich in der Szene entlädt, in der die Brüder den von Eastwood dargestellten Fremden foltern. Zeugt die Bildebene der Szene für sich genommen von arger Brutalität (besonders im Kontext der Entstehungszeit des Films), so erhält sie ihre besondere Note durch das hysterische Kichern von Rupp, der an die Wand gelehnt dasitzt und sich den Bauch hält vor Lachen ob des zu Brei geschlagenen Fremden. In dieser minutenlangen Szene, in der sich Esteban nicht einmal in die Prügelei einmischt, gerät er zum eigentlichen Antipoden des Helden, wird durch diesen extremen Zynismus zum eigentlichen Haßobjekt des Films, was sich letztlich darin äußert, daß Rupp außer Volonté als einziger einen Großaufnahmentod sterben darf.

Der ewig coole Amerikaner Eastwood, der in den atemberaubenden Nahaufnahmen seines Gesichts und denen der Bande am Ende des Films weiterhin ungerührt bleibt, kann seinen stoischen Einfluß auf die europäischen Kollegen nicht leugnen. Erst dort, am Ende, entgleisen Gian Maria Volonté die Gesichtszüge, und Sieghardt Rupp kaut gebannt auf seinen Lippen. Doch sind es diese Nahaufnahmen, etwa, als er die wehrlose Witwe Baxter erschießt und seine blau leuchtenden Augen fast ein wenig Erschrecken darüber verraten, diese Nahaufnahmen sind es, die dem Zuschauer die gesamte Geschichte von Estebans Figur erzählen – eine Stilistik Leones, die ebenso fasziniert wie sie zahllose Schauspieler vor Schwierigkeiten stellt.

In sechs Western verkörperte Sieghardt Rupp bis 1966 das Böse und prägte mit diesen Rollen nachhaltig eine extreme Figur, wie es nur wenige deutsche Schauspieler in solch konsequenter Ausrichtung und so eindrücklich vermochten. Um so mehr erstaunt es, daß er gerade einmal sechs Jahre nach Per un pugno di dollari mit der Rolle eines Zollfahnders betraut wurde, die zwar nach wie vor das »Bübische« seiner Figur transportiert, aber die Boshaftigkeit nahezu vollkommen ausschließt. Vielleicht ist es einfach ein weiteres Indiz dafür, daß Sieghardt Rupp weder in den Augen der Öffentlichkeit noch in denen der Filmindustrie jemals wirklich ernst genommen wurde. Ein großer Fehler. 2001-07-01 15:33

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