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Tschechische Filmavantgarde

#20 ¦ 04.2000

Mit Beiträgen von Tanaj Maciosek, Martina Rehbock, Jaroslav Andel, Michael Bregant, Alexander Hackenschmied, Eva Strusková und einem Gespräch mit Otakar Vávra.
Erotikon (1929)

…und seid fröhlich

Von Tanja Maciosek, Martin Rehbock Die tschechische Avantgarde-Kunst war ein außergewöhnliches Konglomerat verschiedener kunsttheoretischer Auffassungen und politischer Ideologien. Ihre Hauptphilosophie, der sich vor allem in der Literatur entwickelte Poetismus, spielte auch im Bereich des Films eine große Rolle.

In der tschechischen Avantgarde-Bewegung bündelten sich die einflußreichsten Kunstrichtungen, die am Vorabend des Ersten Weltkrieges in Europa reüssierten. Begierig nahmen die tschechischen Künstler die neuen Ideen auf; die Verpflichtung der Kunst zu patriotischen Aussagen in starren Formen, so wie sie im 19. Jahrhundert bestimmend war, wollte man nicht fortführen. Bereits 1892 hatte Frantisek Xaver Salda in einer Essay-Sammlung zum französischen Symbolismus das völlige Fehlen künstlerischer Zusammenschlüsse, die neue Formen und Inhalte propagieren sollten, bedauert. In der Folgezeit wurde dieser Mangel durch eine symbolistische Gruppierung um die Zeitschrift »Moderne Revue« und durch intensive Anstrengungen, vor allem im Bereich der Literatur, behoben: »Die literarische Bewegung unserer 90er Jahre«, so Stanislav Kostka Neumann im Jahre 1913, »war ein gewaltsames Aufholen von all dem, was sich anderswo jahrelang entfaltete.« Auch die bildenden Künstler suchten nach neuen Vorbildern jenseits der Dominanz nationaler Motive und befreit vom realistischen Stil. Die Mitglieder der Gruppen »Mánes« (gegründet 1887), »Osma« (Die Acht, 1907-1908) und »Skupina vytvarnych umelcu« (Gruppe bildender Künstler, 1911-1917) wandten sich ab von Wien und München - nach Paris, der bedeutenden Metropole der modernen Kunst. Doch auch Prag sollte wieder zu einer führenden Kulturmetropole aufsteigen. Die Liste derjenigen, die im beginnenden 20. Jahrhundert in Prag ihre Werke der Öffentlichkeit präsentierten, umfaßte die wichtigsten bildenden Künstler dieser Zeit. Rodin, Bourdelle, Matisse, Munch und Braque sind nur einige der Namen, die zu nennen wären. Bei der jungen Generation der tschechischen Künstler fanden deren Ausstellungen großen Anklang und beeinflußten diese wesentlich.

Vor allem der Kubismus fiel in der Prager Künstlerszene, die dem Provinzialismus zu entfliehen suchte, auf fruchtbaren Boden. Nicht nur, daß in Prag, laut Reiseführer, die einzigen kubistischen Bauwerke Europas zu bestaunen sind; auch Karel Teige, theoretischer Vordenker der tschechischen Avantgarde und vehementer Propagandist der Philosophie des »Poetismus«, bekennt sich 1924 zum Einfluß des Kubismus: »Die moderne Kunstproduktion basiert gänzlich auf dem Kubismus.«

Zudem war der italienische Futurismus, im Manifest formuliert von F. T. Marinetti, eine der Antriebskräfte für den Bruch mit der Kunst der »Patrioten, Aufklärer, Apostel«, so Teige. Vor allem in der Begeisterung für den technischen Fortschritt, der Absage an literarische Konventionen und der Verwendung von typographischer Gestaltungsmittel wurde Marinettis Leistung wahrgenommen. 1921 besuchte Marinetti Prag und traf dort auch mit Teige zusammen. Weitere Einflüsse finden sich in der russischen Ausprägung des Futurismus, vor allem in der Beschäftigung mit den literarischen Werken Kamenskijs, Chlebnikovs und später Majakovskijs. Vor allem die Wortschöpfungen und die Betonung der Bedeutung phonetischer Elemente (wie sie sich in den Sprachschöpfungen der Sternensprache oder der Zaumsprache wiederfinden) machten Eindruck. Unter dieser Maßgabe wurden auch die Lautgedichte und poetisch-literarischen Formen des Dadaismus wahrgenommen. Lesungen Hausmanns und Huelsenbecks 1920 und Schwitters und Hausmanns 1921 in Prag verliefen zwar ohne größeres Interesse der Öffentlichkeit und der Medien, dennoch beeinflußte der Dadaismus den Poetismus - diese spezielle künstlerische Richtung der tschechischen Avantgarde. Und besonders die dadaistischen Collagen und Typographie-Studien hatten einen großen Einfluß auf die Arbeiten der tschechischen Künstlergruppe Devetsil (1920-1930), die als Zentrum des Poetismus angesehen werden kann. Aus den Ingredienzien des Dadaismus, des Kubismus, Konstruktivismus und Funktionalismus, des italienischen Futurismus und der Biomechanik im Sinne Meyerholds, die bestimmte Emotionen aus genau entwickelten Bewegungsabläufen herleitet und damit trainierbar macht, entwickelte Karel Teige, Mitbegründer und wichtigster Theoretiker des Devetsil, ganz im Sinne seiner Behauptung, der Poetismus sei eine Kunst für alle fünf Sinne, die Kunstform, die er für die einzig angemessene hielt: das Bildgedicht.

Ein Jahr bevor in Paris 1924 das Surrealistische Manifest erschien, schrieb Karel Teige: »NEUE FORMEN DER KUNST ENTSTEHEN JEDEN TAG: Das schönste Gedicht: Telegramm und Fotographie.« Hier sah er vor allem die Lösung der aktuellen Probleme der Malerei und der Poesie. Die Ablehnung dekorativer Elemente, die Forderung nach der »Liquidierung der traditionellen malerischen und dichterischen Methoden« und der Versuch einer Dichtung mit »optischen Formen« kulminierten schließlich in der »Negation des Guckfensterbildes« und der Hinwendung zum »buchhaften, photographischen, photomontierten Bild«. Ein solches Bild konnte und durfte keine Reproduktion oder Imitation sein, sondern es sollte, so der Fotograph Jindrich Styrsky in seinem Manifest »Bild« von 1923, ein »konstruktives Gedicht der Schönheit der Welt« darstellen. »Das Foto«, so Styrsky weiter, »tötet den Kitsch (Danke!), aber es tötet nicht das Bild«. Die Fotographie, als Sonderform des Bildes, wurde als beispiellos begriffen, als allen anderen optischen Ausdrucksmitteln bei weitem überlegen. László Moholy-Nagy sah die besondere Stärke dieser Ausdrucksform in der Bearbeitung des Phänomens Licht; von Hell-Dunkel-Variationen bis hin zur »Übernahme der Röntgenerfahrung« für die Fotographie. Ein weiterer zentraler Punkt für die Praxis der neuen Fotographie war die Perspektive; Moholy-Nagy propagierte Schrägstellung, Aufwärts- und Abwärtsfotographieren. Alexandr Rodschenko verlangte nach der Ausschöpfung aller möglichen Blickwinkel, denn: »Wir sehen nicht, was wir wahrnehmen.« Diese Überlegungen führten zu Ausformungen wie extremen Großaufnahmen alltäglicher Gegenstände, Fotographien aus ungewöhnlichen Perspektiven oder den sogenannten Fotogrammen, Bilder, die durch Belichtung einer fotographischen Schicht entstanden, auf die Gegenstände gelegt wurden. Man Ray nannte diese kameralosen Bilder, von denen er zahlreiche schuf, unbescheiden »Rayogramme«. Diese neuen formalen Tendenzen und Ausprägungen lassen sich auch in der tschechischen Avantgardefotographie wiederfinden.

Man Ray war es auch, der mit Eugène Atget und der französischen Surrealismus-Bewegung einen starken thematischen Einfluß ausübte. Am prägnantesten ist dieser wohl an der Faszination von Schaufensterauslagen und Körperfragmenten von Schaufensterpuppen zu belegen, die zahlreiche fotographische Arbeiten z.B. von Jaromír Funke, Frantisek Drtikol oder auch Jindrich Styrsky, dessen Werk in enger Beziehung zu dem der surrealistischen Malerin und Fotographin Toyen steht, durchzieht. Die in dieser Thematik liegende Anbindung an Reklame, die auch von der deutschen Avantgarde gesucht wurde (z.B. in den Arbeiten Kurt Schwitters’ oder Max Buchartz’) oder sich in Rodschenkos Plakatkunst widerspiegelt, und die Beschäftigung mit dem Phänomen des Lichts führte zu einem der Hauptthemen der tschechischen Fotographie und auch des tschechischen Films dieser Jahre: der Leuchtreklame.

Der junge Fotograph Alexander Hackenschmied organisierte unter dem Eindruck der Ausstellung »Film und Foto«, einer 1929 in Stuttgart stattfindenden Präsentation der zeitgenössischen Fotographie und Kinematographie, die Ausstellung »Die neue tschechische Fotographie«, die 1930 in Prag gezeigt wurde. »Die Stuttgarter Ausstellung«, so schreibt Vladimír Birgus, »und die mit ihr zusammenhängende Publikation »Foto-Auge« stellten zweifellos eine große Inspiration dar und dienten manchmal sogar als Vorbild zur Nachahmung für viele tschechische Fotographen«. Die in Stuttgart (schon durch den auf Dziga Vertovs Begriff des »Kamera-Auges« bezogenen Publikationstitel) angedeutete Hinwendung zu dokumentarischen und wissenschaftlichen Aufnahmen wird in der Prager Ausstellung ebenfalls vollzogen. Neben Hackenschmied stellte dort beispielsweise auch Jiri Lehovec aus.

Moholy-Nagy vertrat die Ansicht, »daß die Fotographie ihren Höhepunkt im Film erreicht«. So erscheint es nur natürlich, daß es auch in der Tschechoslowakei vor allem Fotographen waren, die sich im Medium des Films versuchten und die Errungenschaften der Fotographie dorthin übertrugen. Hackenschmied, Lehovec oder auch Karol Plicka sind hier als Beispiele zu nennen.

Aber auch bildende Künstler wie Emil Arthur Longen (Pitterman) oder Max Urban wandten sich schon vor dem Ersten Weltkrieg dem Film zu. Von besonderer Bedeutung war in den 20er Jahren wieder die Devetsil-Gruppe, die den Film als Funktionsmodell für andere Kunstformen feierte. Teiges Manifest »Foto Kino Film« ist dabei besonders hervorzuheben. Außerdem schien als neue Kunstform nicht nur das Bildgedicht sondern auch das Filmgedicht anstrebbar, das in den vielen Filmen der Tschechischen Avantgarde auch realisiert wurde.

Für ein solches Filmgedicht waren keine thematischen oder formalen Vorgaben gültig. Wichtig war allein die konsequente Verknüpfung aller filmischen Elemente und Techniken. Wie es im Poetismus bereits eingeschrieben war, konnten alle möglichen, auch divergierenden Einflüsse nutzbar gemacht werden. Diese Vereinigung der Gegensätze und die lebensnahe Stoßrichtung dieses Vorgehens beschließt auch »Auf den Nadeln dieser Tage«, ein gemeinsames Buchprojekt Styrskys mit Jindrich Heisler, in dem einer Fotographie ein Teil eines fortlaufenden Textes zugeordnet ist. Am Ende des Buches heißt es, Bestreben, Wirken und Philosophie des Poetismus gleichsam zusammenfassend:

»Zieht euch an, zieht euch rasch an und wiederholt mit mir: Schade um jeden Schlag, der danebengeht, / Schade um jeden Schlag, der danebengeht, / und seid fröhlich.« 2000-10-01 14:40

Abdruck

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