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Rust & Bone

De rouille et d’os. F/B 2012. R,B: Jacques Audiard. B: Thomas Bidegain. K: Stéphane Fontaine. S: Juliette Welfling. M: Alexandre Desplat. P: Why Not Productions, Page 114, France 2 Cinéma, Les Films du Fleuve u.a. D: Marion Cotillard, Matthias Schoenaerts, Armand Verdure, Céline Sallette, Corinne Masiero, Bouli Lanners, Jean-Michel Correia, Mourad Frarema u.a.
120 Min. Universum ab 10.1.13

Schönheit und Schmerz

Von Nicolas Oxen Für Jacques Audiard ist Kino ein Kampf, ein Ringen mit dem Leben, mit seiner Schönheit und seinem Schmerz. In seinen Filmen wird dieser Kampf von Männern geführt, von gebrochenen Helden, immer schwankend zwischen Brutalität und Einsicht.

Kino braucht die tragische Größe des »Pathos«, den leidenschaftlichen Ausdruck einer entgrenzenden Intensität, die den Strom der Bilder trägt, von denen man die Augen nicht abwenden will. Dieser Devise folgend schrammt Audiards Genrekino immer knapp am Kitsch vorbei, gewinnt aber durch seine übergroße visuelle wie narrative Perfektion eine nahezu tragisch-metaphysische Gewalt.

Schon der Titel ist ein Angriff. »Rost und Knochen« zielt auf die synästhetische Verbindung von Sehen und Fühlen und will Auge und Körper in die ganze andrängende Spürbarkeit des Daseins eintauchen lassen. Jede Bild-Bewegung ist auf die Nervenenden des Zuschauers zugeschnitten, geht von der Leinwand auf den Leib.

Alain gehört der massige Körper, der diesen Film trägt. In der Dämmerung steht er am Straßenrand mit seinem kleinen Sohn auf den Schultern und streckt über dem Lichtermeer der Stadt den Arm in R ichtung der vorbeifahrenden Autos. Seine Frau hat ihn verlassen und deshalb ist er jetzt auf den Weg nach Südfrankreich zu seiner Schwester, die er seit Jahren nicht gesehen hat. Irgendwo muß er unterkommen, irgendwie Arbeit finden, sich durchschlagen.

Als Kampfplatz des alltäglichen Daseins dient der Hinterhof eines Bretterhauses am Cap d’Antibes. Im französischen Süden vor der so schäbigen wie postkartenschönen Strandidylle zeigt Audiards Kamera eine französische Version des White Trash zwischen billigem Rosé und Plastikstühlen.

Alain ist ein wortloser Held, ein Mann, der nicht viel sagt, weil Reden nichts bringt. Früher hat er mal geboxt, das ist seine Qualifikation, mit der er Arbeit als Türsteher in einer Disko findet. Nebenbei fängt er an, sich für Geld zu schlagen, bei illegalen Kämpfen, umgeben von einer geifernden Menge, die auf seinen Sieg gewettet hat.

Schmerz und Schönheit vereinen sich in diesen Box-Szenen, die im Zeitraffer zu einer langsamen Choreographie purer Leiblichkeit werden. Ein martialisches Fest der Körper, bei dem Fäuste auf Köpfe krachen, bis blutiger Schleim aus dem Mund quillt, die Gegner so archaisch wie erhaben umeinander tänzeln und gnadenlos aufeinander einschlagen.

Helden sind für Audiard Leute, die sich durchschlagen müssen. »Un coup«, ein »Schlag« kann auf Französisch mit Boxen aber auch mit Bumsen zu tun haben und beides betreibt Alain mit Präzision und Passion immer leidenschaftlich und trotzdem irgendwie technisch. Gefühle scheinen für ihn ausschließlich körperlich zu sein.

Ist Stephanie auch nur »un coup«, ein »Fick«? In der Disko hat er sie kennengelernt, als er eine Schlägerei schlichten mußte, und sie danach mit blutender Nase nach Hause gebracht. Als er sie wiedersieht, fehlen ihr nach einem Unfall im Aqua- Zirkus beide Beine. Jetzt kämpft Stephanie mit ihrem verstümmelten Körper und hat sich fast schon aufgegeben. Alain holt sie aus ihrer Wohnung, trägt sie auf seinen Schultern zum Meer. An seinen Rücken geklammert, vereinen sich sein starker und ihr versehrter Körper zu einer grotesken Symbiose.

»Willst Du ficken?« fragt er sie eine Tages beiläufig, weniger aus Mitleid als aus Interesse daran, ob man mit einem verstümmelten Körper noch Lust verspürt. Beide verbindet daraufhin ein emotional amputiertes Verhältnis, in dem Sex wie eine Therapie funktioniert. Eine SMS genügt und Alain kommt.

Rust & Bone ist keine erotische Version von Free Willy, sondern balanciert auf dem schmalen Grad zwischen Leid und Mitleid. Dabei stört Audiard nicht, daß Helden- und Schicksalsgeschichten heute banal geworden sind und an einigen Stellen will er sich weder Bierkneipen-Humor, noch männliche Weinerlichkeit verkneifen. Diese Macho-Gesten überzeugen aber gerade durch manchmal überzogene Bilder.

Jedes davon ist eine Herausforderung, keine Antwort, sondern eine beständige Frage von Reiz und Reaktion. Audiard setzt statt viel zu erzählen auf Körper-Kino und die Spürbarkeit des Sichtbaren.

Dieser Film wirkt nach und das so direkt und radikal wie ein visueller Phantomschmerz. 2013-01-04 09:27

Abdruck

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