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Beasts of the Southern Wild

USA 2012. R,B,M: Benh Zeitlin. B: Lucy Alibar. K: Ben Richardson. S: Crockett Doob, Affonso Gonçalves. M: Dan Romer. D: Quvenzhané Wallis, Dwight Henry, Jonshel Alexander, Marilyn Barbarin, Kaliana Brower, Nicholas Clark, Henry D. Coleman, Levy Easterly u.a.
93 Min. MFA ab 20.12.12

Schale Tiere

Von Dietrich Brüggemann Wenn alle Welt von einem Film redet, dann ist man geneigt, den Film am Ende nicht so gut zu finden. Das ist das Paradox aus Erwartung und Enttäuschung. Kennt jeder. Stimmt aber gar nicht. Es ist nämlich oft auch umgekehrt: Alle Welt findet einen Film supertoll, dann geht man selber rein und stellt fest: Stimmt, der ist ja tatsächlich supertoll.

Beasts of the Southern Wild ist nun wieder so ein Film, von dem alle Welt redet. Eine verstörende und faszinierende Reise in die sumpfige Parallelwelt des Mississippi- Deltas, in ein mythisches Land der Kindheit. Mit minimalem Budget gedreht. Eine Art Familienunternehmen. Läuft in Sundance, alle drehen durch. In der Hauptrolle eine sensationelle Sechsjährige. Unter den besten Filmen der letzten Jahre, ach was, Jahrzehnte. Spätestens wenn die Presse filmhistorische Vergleiche dieser Größenordnung bemüht, möchte man aus Prinzip widersprechen, aber man sollte natürlich erstmal den Film sehen und nicht gleich die Kritik kritisieren.

Der Film handelt also von einem sechsjährigen Mädchen namens Hushpuppie, die mit ihrem Vater irgendwo am Ende der Welt in Louisiana wohnt, in Baracken und Booten und Häusern auf Stelzen, zwischen Himmel und Wasser. Hier lebt eine kleine Gruppe von Ausgestoßenen, Außenseitern und Freaks. Hushpuppies Vater wird irgendwann krank, es werden zahlreiche Tiere geschlachtet, ausgeweidet und zubereitet, sie macht sich auf die Suche nach ihrer verstorbenen Mutter, ein Sturm zieht auf, und zwischendurch schmelzen die Polkappen, wodurch tiefgefrorene Urviecher aufwachen, die im Film tatsächlich »Aurochs« heißen, aber aussehen wie große Eber mit angeklebten Hörnern. Das alles ist ganz schön abgedreht. Die Hauptdarstellerin mit dem komplizierten Namen Quvenzhané Wallis ist wirklich absolut umwerfend. Allerdings sollte man das auch nicht zu hoch hängen. Man kommt sich fast blöd vor, darauf hinzuweisen, aber im Lauf der Jahrzehnte wurden ja schon öfter schauspielernde Kinder in den Himmel gehoben, dann verblaßte spätestens mit der Pubertät die traumwandlerische Sicherheit und die entwaffnende Süßheit, und bekanntlich enden solche Geschichten oft traurig.

Was an Beasts vor allem auffällt, ist seine Obsession mit Tieren unter dem Aspekt der Eßbarkeit. Andauernd werden Fische getötet, Krabben zerlegt, Schweine geschlachtet. Alles dampft und grunzt, alles kreucht und fleucht, zappelt und faucht. Die Menschen werden selbst wie Tiere, wenn sie sich gegenseitig anfeuern, den Fisch auf den Kopf zu hauen und den Hummer zu knacken. Der Film verliert jegliche Distanz, springt kopfüber ins Animalische – und zugleich bleibt er auf unendlicher Distanz. Denn er betrachtet seine Figuren nicht grundlegend anders als seine Schalentiere. Irgendwann kann man sich nicht mehr gegen den Eindruck wehren: Die »Beasts«, von denen der Titel erzählt, das sind eigentlich die Menschen. Denn das, was Menschen ausmacht, und zwar auch die abgehängtesten Verlierer der Gesellschaft, nämlich die Fähigkeit zur Kommunikation, zur Reflektion über die eigene Situation, zur ironischen Distanz (ja, auch das, und wer es nicht glaubt, möge mal in ein beliebiges Problemviertel gehen), all das bleibt unerwähnt. Der Film erlaubt seinen überwiegend schwarzen Protagonisten nur instinktive, emotionale Verhaltensmuster, die natürlich oft sehr einnehmend sind, aber er merkt gar nicht, wie herablassend das insgesamt wirkt. Die Hauptfigur ist halt ein wahnsinnig süßes sechsjähriges Mädchen, daher fällt es nicht gleich so auf, aber eigentlich sind alle die ganze Zeit vollauf damit beschäftigt, eine Idee von Authentizität zu spielen.

Natürlich hat Beasts of the Southern Wild seine Momente. Einige sind grandios. Einige Bilder sind umwerfend. Die Aurochsen sind eher unfreiwillig komisch. Die großzügig eingesetzte Musik kommt ohne Einfälle aus, aber das ist bei Filmmusik ja fast immer so. Die Welt, die er baut, ist in der Tat faszinierend. Aber am Ende geht man raus und hat nicht das Gefühl, eine runde Sache gesehen zu haben. Oder eine menschliche Begegnung. Dafür zahlreiche Begegnungen mit Fischen, Krabben und Fabeltieren. 2012-12-17 14:16

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