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Müll im Garten Eden

D 2012. R,B: Fatih Akin. K: Hervé Dieu. S: Andrew Bird. M: Alexander Hacke. P: Corazón International, Dorje Film.
90 Min. Pandora ab 6.12.12

Die Sorgen mit dem Entsorgen

Von Sven Lohmann Als Fatih Akin 2006 seinen preisgekrönten Spielfilm Auf der anderen Seite (2007) drehte, reiste der bekanntlich türkischstämmige Filmemacher zur Motivsuche nach Anatolien ans Schwarze Meer (wo übrigens auch Bob Dylans Großmutter herstammt), in das Heimatdorf der Familien seiner Großeltern. Dort, in Çamburnu, fand er allerdings nicht nur die malerische Küste, die am Schluß von Auf der anderen Seite zu sehen ist – sondern auch neuen Stoff: Direkt neben dem urwüchsigen Dörfchen Çamburnu war schon seit Jahren eine Müllkippe geplant, freilich sehr zum Mißfallen der Bürger. Noch während der Produktion von Auf der anderen Seite kurbelte Akin ein Filmprojekt über das Dorf und die mißliebige Deponie an, zunächst insbesondere zum Zeichen der Solidarität mit den protestierenden Dorfbewohnern. Stoppen ließ sich der Bau aber nicht durch die Medienpräsenz, die Akin auffuhr. Also wurde das Projekt zu einer trotzigen Langzeitdokumentation – ohne Drehbuch oder präexistentes Konzept, und nun ist das Ergebnis zu sehen: Müll im Garten Eden hatte in Cannes Premiere und dokumentiert über sechs Jahre hinweg den Ärger der Bürger.

Das Projekt wuchs sich ganz ansehnlich aus: Es geht schon damit los, daß 2006 die Gemeinde von Çamburnu sich weigert, die Baugenehmigung für die Deponie zu erteilen, und daraufhin der Bürgermeister vom Staat verklagt wird – wegen »Behinderung von Staatsinteressen«. Der Bau beginnt, bei der Isolation wird geschludert, quasi fortlaufend kommt es zu Unfällen: Giftstoffe sickern ins Grundwasser, bei starkem Regen läuft die Müllkippe über und ihr Inhalt verteilt sich überall in der abschüssigen pittoresken Landschaft, Çamburnu leidet unter extremer Geruchsbelästigung, die Teefelder sind nicht mehr bestellbar, und das Meer wird fürs Baden wie für Fischerei unbenutzbar. Für die Beschwerden der Anwohner haben die Behörden aber keine Ohren, und die Betreiber der Müllkippe reden die Probleme klein.

Akin ist zwar in erster Linie für seine Spielfilme bekannt wie Kurz und schmerzlos (1998) oder Gegen die Wand (2004); nach den beiden eher unbekannten Projekten Denk ich an Deutschland (2001) und Crossing the Bridge (2005) ist dies aber nunmehr sein dritter Dokumentarfilm. Parallel zum Anwachsen des Müllbergs, gewissermaßen »am lebenden Objekt«, beobachtet er hier nun die ländliche Türkei der Gegenwart, den Zusammenstoß von ursprünglichen Lebensformen und industrieller Moderne, Geschlechterrollen – und immer wieder lebhafte Diskussionen, die mitunter zu den besten Szenen des Films gehören. Visuell dagegen vermittelt die Bildsprache das Müllproblem durchaus heftig: Was mit »Entsorgung« so wohlklingend gemeint ist, zeigt sich hier in drastischen Bildern, etwa von schwarz und rotzgelb schäumenden Wildbächen. Akin zur Seite stand bei der Besorgung der Bilder maßgeblich ein Mensch aus dem Dorf, der für diesen Film mitverantwortlich zeichnet: Bünyamin Seyrekbasan, der Fotograph und Chronist des Dorfes, hat einen Gutteil des Materials zum Projekt beigetragen – neben den Sequenzen von Akins Kameramann Hervé Dieu. Während etwa Akin daheim Soul Kitchen (2009) drehte, befaßte sich Seyrekbasan vor Ort mit dem Status quo und war im Zweifelsfall immer gleich zur Stelle.

Nun ist ja gerade die Krux mit dem Müll, daß jeder ihn produzieren, aber niemand auf ihm sitzenbleiben will. Traditionell schmiß man den – in aller Regel organischen – Müll einfach hin, wo man eben stand und ging; mit dem modernen Industriemüll muß man sich von dieser Kultur verabschieden, wie auch der türkische Staat (zu Recht) findet. So wird der überdauernde und sich vermehrende moderne Müll zu einer Art »Schwarzem Peter«, zu dem jeder sein Scherflein beiträgt, und dieses Problem – so könnte man Akin vorhalten – läßt er außen vor. Ihn interessiert dagegen der Bürgerprotest, die Verhaltensweise von Behörden und Deponiebetreibern den Betroffenen gegenüber; ihn interessieren aber auch die alltägliche Lebensweise der Menschen vor Ort und besonders ihre Persönlichkeiten. So wird Müll im Garten Eden vielleicht nicht zu einem Film, der das Müllproblem erschöpfend erfaßt, dafür aber zu einem persönlichen Portrait über Land und Leute an der anatolischen Schwarzmeerküste, an der langsam auch Phänomene Einzug halten wie »Wutbürgertum«, Landflucht – und eben die »Entsorgung«. 2012-12-03 09:05

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