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Dicke Mädchen

D 2012. R,B,K: Axel Ranisch. B: Heiko Pinkowski, Peter Trabner. S: Milenka Nawka. M: Guernica Zimgabel. P: Sehr gute Filme. D: Ruth Bickelhaupt, Heiko Pinkowski, Peter Trabner.
77 Min. missingfilms ab 15.11.12

Magic!

Von Cornelis Hähnel Manchmal bedarf es nur ein wenig Fantasie, etwas Improvisationstalent und einer gehörigen Portion Charme und eine profane Kosmetiktuchbox verwandelt sich in eine stürmisch beklatschte Nummer einer bunten Zauberrevue. Und manchmal verwandeln jene Ingredienzien die Plattenbauwohnung der eigenen Oma und 517,32 Euro Budget zu einem der wundervollsten Debütfilme der letzten Jahre.

Dicke Mädchen ist ein Phänomen. In den letzten Monaten ist er zum Liebling der internationalen Festivalszene avanciert, nun kommt er endlich in die deutschen Kinos – eine Tatsache, die nicht selbstverständlich ist, denn sowohl formal als auch inhaltlich ist der Film auf den ersten Blick kein Publikumsmagnet. In der Ästhetik und der Tonqualität eines Homevideos erzählt Regisseur Axel Ranisch von Sven, der mit seiner demenzkranken Mutter zusammenlebt und sich in deren Pfleger Daniel verliebt. Doch was vordergründig nach engagiertem Drama klingt, entpuppt sich als grandiose Komödie, verwoben mit einer realistischen Dosis Tragik. Dicke Mädchen ist weitestgehend ohne Drehbuch, dafür mit ordentlich Herzblut und noch mehr Spielfreude entstanden. Und genau das merkt man dem Film an, strahlt hier doch aus jedem Bild eine Liebe zu den Figuren, zum Geschichtenerzählen und zum Kino selbst. Es wird eine Unverkrampftheit spürbar, eine Bereitschaft der Protagonisten, sich bis zum letzten zu öffnen. Heiko Pinkowski und Peter Trabner brillieren als dicke Mädchen und Ranischs Großmutter Ruth Bickelhaupt, die hier mit über 90 Jahren ihr Spielfilmdebüt gibt, verzückt nachhaltig das Publikum. Und so durchzieht selbst die abwegigsten Momente ein Hauch von Selbstverständlichkeit, bei jeder noch so absurden Situation hat man das Gefühl, endlich mal normale menschliche Verhaltensweisen zu sehen. Dicke Mädchen ist ein Film, der mit dem Herzen gedreht wurde, der mit seiner spröden Zärtlichkeit zu berühren vermag, der eine hinreißende Liebesgeschichte so erzählt, daß das Thema Homosexualität zu einer Randbemerkung wird und der das Thema Demenz liebevoll zwischen Komik und Fürsorge einbettet. Und dem darüber hinaus ein ganz besonderer Zauber inneliegt. 2012-11-12 13:01

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #68.
© 2012, Schnitt Online

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