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Marina Abramovic: The Artist Is Present

USA 2012. R,K: Matthew Akers. R: Jeff Dupre. S: Jim Hession, E. Donna Shepherd. M: Nathan Halpern. P: AVRO Television, Show Of Force, Dakota Group.
106 Min. NFP ab 29.11.12

The Present Gaze

Von Philipp Fernandes do Brito Sie hebt ihren Kopf und dann ist er da. Der Blick dieser tiefen Augen. Dunkel, leicht geneigt, aber mit einer Festigkeit, die ihr Gegenüber in die Seele trifft und es nicht mehr losläßt. Ein Blick, der einen Dialog erzeugt und um sich alles vergessen macht. Ein Zustand vollkommener Präsenz, wie er nur von der direkten Unmittelbarkeit des physisch vorhandenen Körpers erzeugt werden kann. Und physisch vorhanden ist er, dieser weibliche Körper, welcher der Künstlerin Marina Abramovic gehört und sich dem Blick eines jeden Besuchers Preis gibt. Manche betrachten ihn aus der Ferne, manche betrachten ihn auf einem der unzähligen Videomonitore, wie er sich in immer neuen Performancekonstellationen ausagiert und seine Grenzen auslotet. Und wiederum andere betrachten ihn aus nächster Nähe, indem sie sich einzeln und auf sich gestellt auf den bereitgestellten Stuhl ihm gegenüber setzen. Sie betreten einen Raum, der eigens für diesen Dialog geschaffen wurde und beinahe auf sie, gleichsam mit der Künstlerin, zu warten scheint, um ein Moment zu schaffen, das alles verändert und uns auf die Frage zurückwirft: Kann jeder Mensch ein Performer sein?

Das New Yorker Museum of Modern Art glaubte an die Aktualität dieser Frage und stellte Marina Abramovic im Rahmen ihrer umfassenden Retrospektive im Jahr 2010 für drei Monate Raum zur Auslotung dieser Frage bereit. Videos ihrer Performances, die für den alltäglichen Gebrauch konzipierten »transitory objects«, fotographische Aufnahmen sowie Relikte ihrer Körperaktionen, all dies war zu sehen und zeichnete ein Bild von Abramovics künstlerischem OEuvre, das sich nur selten in solcher Konzentration erleben läßt. Vor allem waren es aber die Live-Performances, die einen jeden fesselten. Bei der Konzeption und Installation eben jener zeigt Matthew Akers’ Film die Künstlerin und nimmt uns mit auf die Erkundung eines Lebens, das sich in seiner intensivsten Form dem Dialog einer energetischen Übertragung widmet.

Laut Abramovic gibt es viele Marinas: die Aktivistin, die durch ihr Leben und die familiären Bande in den politischen Kontext des Balkans einbezogen ist; das »girl«, welches verletzlich ist und sich in seiner weiblichen Rolle wohlfühlt und schließlich die spirituelle Marina, die sie selbst favorisiert und die immer dann zum Vorschein kommt, wenn sie sich auf ein Werk ganz einläßt. Letztere der drei ist es auch, die den thematisierten energetischen Dialog des Körpers innerhalb ihrer Performances motiviert. Sei es in ihren Solo-Performances, die durch den Einsatz von Messern, Feuer, Gewalt und physischer Verausgabung bereits den binären Energieaustausch thematisieren, den folgenden »Relation works«, die mit ihrem Lebens- wie Arbeitspartner Ulay das Aktiv-Passiv-Verhältnis der Körper und Psyche in immer neuen Symmetrien austesten und in ihrem gemeinsamen Lauf über die chinesische Mauer enden oder ihren späteren Einzelprojekten. Immer steht die Performance, entstanden in den 1950er und 60er Jahren, als erweiternde künstlerische Form zur vorherrschenden gestischen Malerei, als roter Faden im Vordergrund.

Ist also die im Film nur implizit angesprochene Thematik des Lebens als eine Performance, wie es bereits Abramovics Arbeit »The House with the Ocean View« (2002), bei der sie für einen längeren Zeitraum selbst auf drei erhobenen Plattformen im Ausstellungsraum ihrer New Yorker Galerie Vertretung lebte, thematisiert? Gleichsam mit dieser Langzeitarbeit fokussiert auch die vom Film begleitete Performance eine kathartische Reinigung der Seele, durch die Abramovic in der Lage ist, in die vollkommene Präsenz der Gegenwart abzudriften. Das Hier und Jetzt. Den Moment puren energetischen Seins. Ihr treten die Bürger der Stadt New York, die Besucher und auch Freunde und alte Wegbegleiter wie Ulay gegenüber, dessen Besuch nach einer langen Phase der Kontaktunterbrechung die gemeinsame Beziehung innerhalb von Minuten resümiert und durch Tränen abschließt. Abramovic wird im Film wie in der Performance zum Spiegel des Ichs ihres Gegenübersitzenden, solange bis die Transformation einsetzt.

Vielleicht ist es entgegen vieler Stimmen der Kunstwelt nicht so sehr das kritische Moment der Wiederholung von Performances, sondern die Performativität und der Dialog miteinander, auf die Abramovic uns im Film hinweist, und dem wir im Leben doch nicht entkommen können. 2012-11-26 12:52

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