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Parked – Gestrandet

Parked. IRL/FIN 2010. R: Darragh Byrne. B: Ciaran Creagh. K: John Conroy. S: Guy Montgomery, Gareth Young. M: Niall Byrne. P: Bórd Scannán na hÉireann, Helsinki Filmi Oy, u.a. D: Colm Meany, Colin Morgan, Milka Ahlroth, Stuart Graham, Michael McElhatton, David Wilmot u.a.
90 Min. Dualfilm ab 29.11.12

It’s automatic

Von David J. Lensing »Confusion is not necessarily an ignoble condition.« Eine Notiz zwischen Herbstblättern und Seemöwen. Damit wird der Film eröffnet, obwohl die Geschichte da schon erzählt ist: Der vom Leben gebeutelte Brillenträger Fred ist vom Fahrersitz auf die Parkbank gewichen und schaut zu, wie sein Mazda vom Greifarm des Abschleppwagens gepackt wird. Was wir in der folgenden Rückblende über Fred erfahren, ist wenig: Seit er aus England zurück ist, wohnt er in dem an der irischen Küste geparkten Wagen. Weil das für eine Story nicht reicht, tritt schon nach zehn Minuten des kurzweiligen Dramas der junge Cathal auf und rechtfertigt die mögliche Log Line: »Mann, der in seinem Auto wohnt, freundet sich mit Junkie an.«

Darragh Byrne ist ein ähnlich unbeschriebenes Blatt wie das Herbstlaub in Detailaufnahme zu Beginn seines Debütfilms. Abgesehen von ein paar TV-Serien und Einsätzen als Cutter ist seine IMDb-Bio noch schlank, und bei Google stolpert man zuerst über die Homepage von Darragh Byrne, dem Videographen für Hochzeitsvideos. Man kann nicht ausschließen, daß es sich bei dem Videographen und dem Parked-Regisseur um dieselbe Person handelt, und das macht – denn Online-Recherche ist das Maß aller Dinge – Byrne zu einem neuen Licht am Kinohorizont. Erst mal genießt der Zuschauer aber die Freiheit, Parked ohne großen filmographischen Kontext zu betrachten.

Auch die Parallelen zum ebenfalls irischen A Film with Me in It (Ian Fitzgibbon, 2008) hinsichtlich Soundtrack, Farbe und Humor zerschlagen sich: Byrne und Koautor Ciaran Creagh gelingt eine Charakterstudie, die ihre Hauptfigur beobachtet, statt sie zu sezieren. Wer ist dieser Mann, der sich nicht traut, vom Einmeterbrett zu springen, der ganz plötzlich brutal sein kann, sich wie ein Vater kümmert und aus der »Göttlichen Komödie« zitiert? Daß der Fokus zuweilen von der Hauptfigur abrückt auf Cathal, liegt an Colin Morgans markanter Performance eines Junkies mit starkem Akzent und schlechten Zähnen. Kritiker behaupten, er spiele Colm Meany in den Schatten, doch damit werden sie dem Film nicht gerecht: Die Figuren bedingen einander, die Geschichte lebt von der Interaktion – ohne Fred wäre Cathal nur ein hoffnungsloser Suchti, und ohne Cathal, der Fred aus seiner Muschel lockt, würden wir über den Einsiedlerkrebs gar nichts erfahren.

Es gibt Leseratten, die sich der Filmkunst mit dem Argument verweigern, das bewegte Bild lasse keinen Platz für Fantasie. Bei diesen aussichtslosen Diskussionen kommt eine Filmperle wie Parked gerade recht: Was gibt es Schöneres als – das war bei Drive nicht anders – nach einer spannenden Geschichte mit dem Gefühl zurückgelassen zu werden, bloß eine Ahnung davon zu haben, in wessen Leben man da reinlünkern durfte? Im Kopf habe ich die Ahnung längst zu einer konkreten Idee ausgebaut… aber die Unsicherheit bleibt. »Confusion is not necessarily an ignoble condition.« 2012-11-26 09:29

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #68.
© 2012, Schnitt Online

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