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Possession – Das Dunkle in dir

The Possession. USA 2012. R: Ole Bornedal. B: Juliet Snowden, Stiles White. K: Dan Laustsen. S: Eric L. Beason. M: Anton Sanko. P: Ghost House Pictures, North Box. D: Jeffrey Dean Morgan, Kyra Sedgwick, Madison Davenport, Natasha Calis, Grant Show, Quinn Lord u.a.
92 Min. Studiocanal ab 8.11.12

Gottes Auge auf der Kasperkiste

Von Heiko Martens Beginnen wir mit einem der von Regisseur Bornedal scheinbar recht geliebten Top Shots, dem Auge Gottes, fällt vor allem der immense Überbau auf, den dieser Film vor sich herschiebt. Die ruhelose Entität, die hier die Unschuld beseelt, ist ein Dibbuk, ein die Lebenden einnehmender Geist, der Böses will und ebenso tut. Der Dibbuk ist als Faszinosum des jüdischen Volksglaubens mindestens so alt wie die üblichen Dämonen, denen sonst Christenpriester auf die Pelle rücken, und als plottreibendes Motiv seit Jahrhunderten in der Kulturgeschichte verankert, filmisch zuletzt im Präludium von A Serious Man. Vordergründiger Antagonist ist vorliegend eine von hebräischen Schriftzeichen gezierte Holzkiste, in der ebenjener Totengeist hockt. Da der ganze Spuk selbstredend auf wahren Tatsachen beruht: Diese Kiste begann ihre sagenumwobene Karriere 2004 – als Gegenstand einer Ebay-Auktion mit vermeintlich mysteriöser, auf jeden Fall aber verfluchter Geschichte, einschließlich eines Holocaust-Überlebenden als Vorbesitzer. Drei, zwei, eins – Zuschlag für Jason Haxton, seinerseits Museumskurator und nun ebenfalls vom Fluch der Kiste heimgesucht, darunter als Begründer einer Webseite, die entsprechenden Theorien über den Charakter der ominösen Box ein weites Feld bietet. Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins nannte dies 1976 ein Mem – ein einzelner Bewußtseinsinhalt, der sich virengleich durch Kommunikation verbreitet und vervielfältigt. Gestaltet sich eine solche Städtische Sage derart viral, steht auch bald Hollywoods Genrekino parat – The Possession ward geboren.

Produzent Sam Raimi und Regisseur Bornedal erzählen auf Basis des Skripts des einschlägig vorbelasteten Autorenduos Juliet Snowden und Stiles White (Boogeyman, 2005; Knowing, 2009) im Kern die Geschichte einer Familie, die durch Scheidung wenig überraschende Opfer erzeugt – Kinder leiden stets am meisten darunter. Als die jüngere Tochter Emily auf einem Garagenverkauf die Holzkiste ersteht, nimmt der Spuk seinen Lauf. Was als böser Geist zu Recht Sagengestalt wurde, geriert sich hier vor allem als therapeutisches Vehikel – zum einen das der Tochter, ihre Angst in poltergeistige Wut zu verpacken, zum anderen das der Eltern, in sorgender Katharsis das Böse zwecks Familienrettung zu verdammen. Das Drama – vor allem auch des Vaters – verbietet sich leider jegliche Ironie, was ein scharfes Schrammen an der Grenze zu manch unfreiwilligem Lacher nach sich zieht.

Das ist auf der psychologischen Ebene so stimmig altbacken wie es klingt, wird jedoch mit einem überzeugenden Schauspielerensemble dargeboten und gruselästhetisch einwandfrei umgesetzt, wobei das Handwerk hierbei mehrheitlich auf ruhige Charakterstudie mit einigen kakophonischen Ausbrüchen setzt. Bleibt unterm Strich – und da sind wir kameraperspektivisch inzwischen angekommen – ein Genrefilm, der vor allem dank Figurenzeichnung und Inszenierung eine Kinderhandbreit über dem Mittelmaß einschlägt. 2012-11-05 09:25

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