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Puppe, Icke & der Dicke

D 2012. R,B,S: Felix Stienz. B: Georg Struck. K: Markus Förderer, Lynne Linder. P: Strangenough Pictures, ONE TWO Films. D: Stéphanie Capetanidés, Tobi B., Matthias Scheuring, Mark Auerbach, Vivien Bullert, Till Butterbach, Jasin Challah, Alice Dwyer u.a.
87 Min. drei-freunde ab 22.11.12

Turn off the Leid

Von Dominik Bühler Was liegt eigentlich zwischen Paris und Berlin? Wer treibt sich herum, wen treibt es wohin? Spricht auch mal jemand ohne jenen krisengebeutelten Gesamtzusammenhang über die Menschen dazwischen? Der kleingewachsene Bomber aus Berlin, die blinde, schwangere Europe aus Paris und der dicke, stumme Bruno sind da ein guter Einstieg. Die europäischen Fragen unserer Zeit scheinen sie wenig zu kümmern. Ihre ganz eigenen Wege und Ziele bilden die Grundlage für ein Road Movie mit wenig Sinn für räumliche Orientierung und viel Sinn für die Menschen am Rand. Bomber versucht nach dem Verlust seines Jobs als Kurierfahrer auf eigene Faust Geschäfte zu machen, Europe macht sich auf die Suche nach dem Vater ihres ungeborenen Kindes und Bruno spürt dem Ort seiner Kindheit nach. Zunächst läuft alles in verschiedene Richtungen. Wege kreuzen sich, Wege verlieren sich und immer wieder spielt Musik eine mehr als begleitende Rolle. Auftritte verschiedenster Musikanten reihen sich mit der gleichen furiosen Variation aneinander, wie die mitunter haarsträubenden Zufälle und Zusammenhänge der Handlung. Das hat Dank des guten Timings und der überwiegend zündenden Komik einen großen Unterhaltungswert und bleibt einer bloßen Nummernrevue dennoch fern. Meist unvorhersehbar in welche Richtung die Schicksale der Figuren gehen, wird dankenswerterweise auf Betroffenheit, konstruierte Hindernisse und übertriebene Tragik verzichtet. Es wird weder versucht, dem Ganzen eine tiefere Dimension zu geben, noch den Figuren mit ihrem Schicksal zu drohen oder sie als Archetypen zu verkaufen. Hier wird nicht vom Einzelnen aufs Ganze geschlossen oder andersherum und gerade deshalb entwickeln die Figuren trotz ihrer Fülle an Sonderlichkeiten eine größere Lebensnähe und Lebendigkeit als die tragischen Gestalten vieler Sozialdramen dieser Zeit.

Das Sprachdurcheinander – Endlich mal glaubwürdiges schlechtes Englisch! – ist nicht die einzige Verwirrung, die sich auf dem Weg findet. Eine in warmes Licht gehüllte, französische Romantikerin, ein Müllmann, der eher wie ein Saubermann aussieht, eine frustrierte Junglehrerin und ihre Topfpflanzen, eine stets fluchende beste Freundin, eine Band mit allgegenwärtigem Sommerhit in Fantasiesprache, ein pöbelndes Berliner Eigengewächs, eine sehnsüchtig singende Motelangestellte – ein Hoch auf die Vielfalt. In der Figurenkonstellation liegt der besondere Reiz und so nimmt die Reise dann auch ordentlich Fahrt auf, wenn die drei Hauptprotagonisten aufeinandertreffen und streitend eine gemeinsame Richtung einschlagen.

Zwischen den Städten der Liebe und den Städten der Spinner liegt irgendwo Europa. Das hätte man als Thema herausstellen können, aber ein Thema soll es hier nicht geben. Die Menschen und ihre in der Verschiedenheit liegende Verbundenheit stehen im Mittelpunkt. Der Film versucht einem nichts über Europa zu sagen – nichts darüber, was es sein sollte, könnte oder müßte. Gerade der erfrischende Verzicht auf Diskurse, brisante Aktualität und sozialpolitische Bezüge macht das Ganze dann aber eben doch zu einem adäquaten Film über Europa und seine bunte Seele. Das Leben spielt nun mal zum großen Teil jenseits der Politik und Medienberichte.

Es ist nicht alles aus einem Guß. Der Film trifft nicht jeden Ton, manche Nebenfigur ist doch etwas zu stark und stilistisch uneinheitlich auf skurril gebürstet und die Anklänge an die Lakonie und Figurenliebe eines Aki Kaurismäki, die tableauförmige Melancholie eines Roy Andersson und den karnevalesken Musikeinsatz eines Emir Kusturica bilden eine krude Mischung. Doch Felix Stienz erschafft gekonnt einen eigenen Kosmos und überführt das, mit dem er sich bei etlichen Kurzfilmfestivals der Republik und darüber hinaus einen Namen gemacht hat, konsequent in sein Langfilmdebüt. Mit bewährtem Ensemble offenbart er einen liebevollen Blick auf die Eigenheiten der Menschen in einer eigenschaftsbesessenen Welt. Europa hat Probleme, doch die werden nicht besser, wenn man zwischendurch nicht ab und an die Menschen jenseits all dessen betrachtet. Das mag manchem zu harmlos sein, doch der kann sich gerne weiterhin auf das Schauen der Tagesschau und des Problemfilms beschränken und das Leid der Welt beschwören. 2012-11-19 09:21

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