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Winterdieb

L’enfant d’en haut. F/CH 2011. R,B: Ursula Meier. B: Antoine Jaccoud, Gilles Taurand. K: Agnès Godard. S: Nelly Quettier. M: John Parish. P: Vega Film, Archipel 35, Radio Télévision Suisse, Bande a Part Films u.a. D: Kacey Mottet Klein, Léa Seydoux, Martin Compston, Gillian Anderson, Jean-François Stévenin, Magne-Håvard Brekke, Johan Libéreau, Yann Trégouët u.a.
100 Min. Arsenal ab 8.11.12

Talfahrt

Von Esther Buss »Die da oben« nennt sie der zwölfjährige Simon nur: die Upper-Class des Wintersporttourismus. Er selbst lebt mit seiner SchwesterLouise unten, in einem unwirtlichen Betonklotz in der Talsohle des noblen Schweizer Skigebiets – da, wo der Schnee schon früh in Matsch übergeht oder als angefressene Inseln auf kahlen Grünflächen stehen bleibt. Simon ist in beiden Welten, die eine steile Seilbahn miteinander verbindet, zu Hause. Oben klaut er Skier, Brillen, Helme und Handschuhe, erteilt Auskünfte über Pisten und die richtige Behandlung kalter Füße und erfindet für sich je nach Situation eine andere Biographie: als einsamer Sohn viel beschäftigter Hoteliers oder auch als Waisenjunge, dessen Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind; unten lagert, präpariert und vertickt er die Sachen fachmännisch an Leute, die sie sich zu Normalpreisen nicht leisten können, an Kinder aus seinem Wohnblock oder Saisonarbeiter. Mit dem Gewinn seines selbst organisierten Schwarzhandels kauft Simon »Milch, Brot, Pasta und Klopapier « wie er einem Küchenangestellten, der ihn einmal beim Klauen erwischt, provozierend unschuldig gesteht. Was in diesem Moment nach purer Koketterie klingt, entspricht tatsächlich seiner Realität. Denn Simon ist in dem fragilen Rest von Familie derjenige, der den Lebensunterhalt sichert; Louise bricht alles ab, was sie beginnt, egal ob Beziehungen oder Arbeitsverhältnisse; sie ist immer bereit zur Flucht. Mit den verwahrlosten Beziehungen, wie es das konventionelle Sozialdrama so gerne schildert, haben die Verhältnisse in Ursuala Meiers Winterdieb jedoch nur wenig gemein; Vernachlässigung, Fürsorge und eine weniger familiäre als vielmehr kumpelhafte Nähe existieren hier ebenso nebeneinander wie prekäre Lebensbedingungen und ein trotz seiner kriminellen Auswüchse erstaunlich gut strukturierter Alltag. Mit dem Geld erhalten jedoch auch andere Qualitäten Eingang in die Beziehung von Simon und Louise: Arroganz, Verachtung und Abhängigkeit.

Ursula Meiers Film sieht auf den ersten Blick wie ein nach topographischen Achsen organisiertes Klassendrama aus: Allzu paßgenau scheint die vertikale Trennung von oben und unten den sozialen Hierarchien zu entsprechen. Doch sieht man einmal von den allzu bedeutungsvoll um den nackten Wohnkomplex kreisenden Kamerafahrten ab, filmt Meier ganz gezielt an den visuellen Brüchen zwischen imposantem Gebirge und trostloser Ebene vorbei. Nur einmal gestattet sich der Film einen kurzen Blick von oben auf eine der strahlend weißen Skipisten mit ihren elegant durch den Schnee kurvenden Wintersportlern; ansonsten ist das gänzlich unglamouröse Bild von Anoraks, Helmen, Skiständern und Garderoben bestimmt wie auch von den beengten Innenräumen der Restauranttoiletten und Seilbahnen. Die privilegierten Urlauber mit ihrer hochpreisigen Sportausrüstung sind dabei nur die Vorderseite der oben gelegenen Welt; auf der Rückseite finden sich Lastgondeln, kalte Betonmauern, Lagerräume, Großküchen und die schäbigen Unterkünfte der Saisonarbeiter: Zimmer mit Mehrstockbetten und schlecht beleuchtete Umkleidekabinen.

Im Gegensatz zu dem von surrealen Momenten aufgemischten Home nähert sich Meiers dritter Spielfilm zwar eindeutig dem sozialrealistischen Kino – Agnès Godards Bilder sind klar und schmucklos und kommen ohne die sonst so signifikanten taktilen Oberflächenverhältnisse aus – , doch bietet Winterdieb kaum mehr Ausblicke auf die Außenwelt als der an der Horizontalen einer Autobahn ausgerichtete Vorgängerfilm; ausgespart bleiben etwa Schauplätze wie Schule und Behörden oder auch die Fluchtlinien, an die sich Louise klammert, wenn sie wieder mal in das Auto eines neuen Lovers steigt.

Auch in Winterdieb ist es der Ort, der dem Film seine Struktur und seinen Halt gibt. Konsequent bestimmt er die Erzählung; den Figuren bleibt nur, sich seinen Vorgaben zu fügen. So verfängt sich letztlich auch das im Kern angelegte Sozialdrama in den unverrückbaren Raumachsen von oben und unten. Deren Anordnung mag sicherlich eine gewisse Härte haben, doch als wirklich unberechenbar erweisen sich für Simon schließlich die dazwischen liegenden Grauzonen: das Zirkulieren zwischen den Welten, die Rückseiten. Und nicht zuletzt die Fiktion im Realen. 2012-11-05 09:13

Abdruck

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