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Oh Boy

D 2012. R,B: Jan Ole Gerster. K: Philipp Kirsamer. S: Anja Siemens. M: The Major Minors, Cherylin McNeil. P: ARTE, Chromosom Filmproduktion, Hessischer Rundfunk, Schiwago Film u.a. D: Tom Schilling, Katharina Schüttler, Justus von Dohnányi, Ulrich Noethen, Friederike Kempter, RP Kahl, Martin Brambach, Michael Gwisdek u.a.
83 Min. X Verleih ab 1.11.12

Life Is a Bitch and then You Die

Von Oliver Baumgarten »Was hast Du denn die zwei Jahre über gemacht, in denen ich Dir monatlich 1.000 Euro für Dein Studium überwiesen habe?«, fragt Nikos Vater, als er herausfindet, daß sein Sohn längst schon das Jurastudium geschmissen hat. »Nachgedacht. Über mich«, antwortet Niko mit einer rechtschaffenen Verzweiflung im Blick, die nur jemand zeigen kann, der etwas absolut ernst meint. Das Dasein – es ist so komplex und voller Möglichkeiten: Niko kann nicht verstehen, wie sich Leute da Hals über Kopf hineinstürzen, unüberlegt und spontan. Das alles, das Leben und was man damit vorhat, das will doch gut überlegt sein! Und schon sowieso, weil sich das Leben ja ständig gegen ihn richtet. Wenn Niko einen Kaffee kaufen will – alltäglich für andere – schafft er es garantiert, daß sich die Situation gegen ihn wendet. Niko ist nicht synchronisiert mit der Welt um ihn herum, und je mehr er sich zusammennimmt, je mehr er sich korrekt anzupassen glaubt, um so heftiger schlägt das Leben zurück.

Einen Tag lang begleiten wir Niko durch dieses Leben, ihn, den Studienabbrecher, der den Idiotentest nicht besteht, der seine hübsche Freundin sitzen läßt und dessen Bankkonto gesperrt ist. In jedem anderen Film wäre er der lustige Loser, in Oh Boy wirkt er angesichts all der viel Bekloppteren da draußen als helles Licht. Regisseur und Autor Jan Ole Gerster läßt seinen Helden durch diesen einen Tag in Berlin streifen, als befahre Niko eine Geisterbahn, in der ihm an jeder Ecke gesellschaftliche Schreckgespenster und üble Zeitgeister auflauern, um ihn endlich wachzurütteln. Durch diese Struktur wirkt der Film episodenhaft wie ein Stationenstück oder eine Fabel, und wie dort öffnen sich auch hier unablässig Transferebenen hinein in einen möglichen gesellschaftlichen Makrokosmos.

Passend zu den existenzialistischen Grundfragen, die den Film beherrschen, ist Oh Boy in stylishe Schwarzweißbilder gefaßt, die zwar zum weiteren Instrument der Abstraktion werden, dem komödiantischen Potential aber keineswegs im Wege stehen. Denn all dieser nachdenklichen Elemente zum Trotz besticht der Film vor allem auch durch seine Komik, die zum einen in den herausragenden Dialogen wurzelt und zum anderen dadurch zum Tragen kommt, daß Tom Schilling seine Figur des Niko überhaupt nicht komödiantisch anlegt. Nikos Ernsthaftigkeit konfrontiert mit dem Wahnwitz des Alltags, sein dramatisches Spiel kombiniert mit dem Chargieren der großartigen Nebendarsteller um Ulrich Noethen, RP Kahl und Justus von Dohnányi: Das erst ermöglicht die Leichtigkeit, die Oh Boy umgibt und auf deren Basis dann Dialoge, Bildwitz und Running Gags entstehen sowie amüsante Anspielungen auf die deutsche Film- und Berliner Kunstszene.

Unter dem durchaus zahlreich vertretenen Nachwuchs in Deutschland gibt es nicht wirklich viele Regisseure, die den Anspruch, unterhalten zu wollen, mit individuellem Ausdruck verbinden. Da verwundert es dann auch nicht, daß Unterhaltung hierzulande noch immer einen solch schlechten Ruf hat. Jan Ole Gerster hingegen beweist mit Oh Boy die Fähigkeit, für erfolgreiche Unterhaltung notwendige Elemente mit Größen wie Geschmack, Gestaltungswillen und Intelligenz zusammenzubringen. Und wenn es dafür eines Beweises bedarf, dann möge die letzte Szene des mit unter 90 Minuten auf den Punkt montierten Films herhalten: Niko trifft dort in einer Kneipe einen alten Mann. Er verstehe die Menschen nicht, murmelt er alkoholisiert, im Hintergrund gedämpfte Miles-Davis-Trompete, keinen Ton verstehe er von dem, was sie sagten. Dieser Alte, von Michael Gwisdek erschütternd gut gespielt, ist so etwas wie Nikos futuristisches Alter ego, ein Spiegelbild möglicher Zukunft. Und natürlich serviert uns Jan Ole Gerster in der Figur dieses Alten seine – so gehört sich’s für gute Unterhaltung – simple Botschaft, die Moral von der Geschichte sozusagen: »Life is a bitch and then you die. Das verkörpert dieser Alte, aber so muß es für Dich nicht sein – nimm Dein Leben in die Hand!«

Natürlich ist das banal, Kinobotschaften sind immer banal, erst recht, wenn sie existenzialistisch gefärbt sind. Das Entscheidende ist, wie sie uns verkauft werden. Und die Art und Weise, wie Gerster seine Zuschauer aus dem Film entläßt, wie er uns seine Botschaft mitgibt, ist sensibel, klug und wunderschön. 2012-11-01 16:18

Abdruck

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