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Miss Bala

MEX 2011. R,B,S: Gerardo Naranjo. B: Mauricio Katz. K: Mátyás Erdély. M: Emilio Kauderer. P: Consejo Nacional para la Cultura y las Artes u.a. D: Stephanie Sigman, Juan Carlos Galván, Noé Hernández, Irene Azuela, Javier Zaragoza, Lakshmi Picazo, Jose Yenque u.a.
113 Min. Fox ab 18.10.12

Irgendwo allein in Mexiko

Von Maxi Braun Wenn unter einem gezwungenen Vaseline-Lächeln auf die Frage nach dem Wunsch für die Zukunft »Weltfrieden« hervorgepreßt wird, gehört das zum Klischee jeder filmisch inszenierten Misswahl.

Auch ein Stereotyp, allerdings weniger satirisch, ist die Drogenproblematik Mexikos. Was auf den ersten Blick als krude Parallele anmuten mag, fügt sich in Miss Bala überraschend stimmig und erschreckend realistisch zusammen. Während Mary-Louise Parker in Weeds erst in den späten Staffeln die Schattenseiten des Marihuanabusiness nicht unverschuldet am eigenen Leib erfährt, gerät mit Miss Bala eine völlig Unschuldige in den Strudel aus Drogen, Korruption und Mord. Schnell ist klar, daß es mit der Protagonistin kein gutes Ende nehmen wird. In welche Richtung sie sich dreht und windet, welche Opfer sie zu geben bereit ist und wie moralisch integer sie sich zu verhalten versucht, am Ende wird sie im besten Fall mit dem nackten Leben und nicht viel mehr davon kommen.

Dramen wie Steven Soderberghs verwobener Traffic – Die Macht des Kartells versuchen meist die multikausalen Ursachen und Wirkungen des organisierten Verbrechens offenzulegen. Was narrativ elegant ist, liefert damit aber einen möglichen Erklärungsansatz für das Blutvergießen rund um das weiße Gift. Regisseur Gerardo Naranjo scheint eine solche ultima ratio fern zu liegen, wodurch Miss Bala authentischer, rauer und umso schwerer zu ertragen ist. Die Bildsprache ist dennoch nicht die des Dokumentarfilms. Obgleich die staubigen Straßenzüge und tristen Wohnviertel trostlosen Realismus suggerieren, haftet den Bildern weniger dokumentierendes Interesse als Resignation an. Der Blick auf Tijuana, wo der Drogenkrieg am heftigsten tobt, ist frei von Hoffnung. Was nüchtern klingt, wird durch unerträgliche Momente totaler Ausweglosigkeit gebrochen. Der wunderbaren Debütantin Stephanie Sigman folgen wir bis in den lebensbedrohlichsten Kugelhagel, was Distanzierung unmöglich macht. Eine Lösung verwehrt Neranjo bewußt und liefert daher einen verstörenden, wütenden Film. Der platte Twist gegen Ende sowie der Hinweis, daß Miss Bala auf realen Begebenheiten beruht, wären hierfür nicht einmal nötig gewesen. 2012-10-18 15:03

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #68.
© 2012, Schnitt Online

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