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Gnade

D/N 2012. R: Matthias Glasner. B: Kim Fupz Aakeson. K: Jakub Bejnarowicz. S: Heike Gnida. M: Homesweethome. P: Schwarzweiss Filmproduktion, Knudsen & Streuber Medienmanufaktur, Neofilm, Ophir Film u.a. D: Birgit Minichmayr, Jürgen Vogel, Henry Stange, Iren Reppen, Bjørn Sundquist, Ane Dahl Torp, Stig Henrik Hoff, Katharina Strauch u.a.
123 Min. Alamonde ab 18.10.12

Voll der Gnade

Von Robert Cherkowski In Deckung! Matthias Glasner, der selbsternannte Schmerzensmann des deutschen Films, hat wieder zugeschlagen und erneut steht ganz harte Kost auf der Speisekarte – ein echter Glasner eben, dessen unbedingte Schicksalhaftigkeit dem Betrachter mitten ins Gesicht springt und der den Mut zeigt, nicht wegzusehen, auch dann, wenn es schon gar nichts mehr zu sehen gibt. Nachdem er 2006 drei lange Stunden Jürgen Vogel dabei begleitete, wie er in Der freie Wille schwer atmend mit den bösen Trieben kämpfte und sich dabei von keiner falschen Zurückhaltung oder Dosierung bremsen ließ, legte er 2009 mit This is Love noch eine Schippe drauf und beobachtete Corinna Harfouch dabei, wie sie im besten Theaterdeutsch gegen den Suff kämpfte und dabei als Polizistin den Selbstmordversuch eines pädophilen Weltverbesserers untersuchte. Immer war Glasner dabei auf Schonungslosigkeit bedacht und immer wirkte es doch nur wie ein besserer Tatort. Jetzt schlägt’s erneut dreizehn: Mit Gnade liefert er wieder einmal die volle Dröhnung harter Themen ab, die man verdammt noch mal ernstnehmen sollte – »Schuld und Sühne « hoch drei bei Polarnacht.

Eine deutsche Exilantenfamilie wird sich auf unterschiedlichen Härtegraden mit großer und kleiner Schuld beladen. Während Sohn Markus sich an den Hänseleien an einem Mitschüler beteiligt, tobt Papa Niels mit seiner Kollegin durch die Betten. Den Vogel in Sachen Schuld schießt Mama Maria ab, als sie eines unachtsamen Momentes eine junge Schulkameradin ihres Sohnes überfährt und im Straßengraben liegen läßt. So wird nun mit der individuellen Schuld gehadert und gelitten, sich weinend in den Armen gelegen. Zwischen Vertuschung, Verarbeitung und Selbstkasteiung werden tränennasse Blicke in die Ferne geworfen und die große Verzweiflung lugt durch die Flure. Das wirkt in besseren Momenten wie Susanne Bier an einem schlechten Tag. Jürgen Vogel spielt sich den Wolf, greift nach den Sternen, guckt böse für ’ne Mark und bleibt doch nur Jürgen Vogel von der Hansen-Band, während Glasner ein ums andere Mal Verausgabung mit Intensität verwechselt, mehrere gute Gelegenheiten für einen runden Abschluß verpatzt und schließlich den eigenen Film mit einem Epilog (Stichwort: »iPhone«) ruiniert, der selbst den abgebrühtesten Betrachter dazu animiert, das Gesicht beschämt in den Händen zu vergraben.

Und doch... Nachdem sich die erste Verärgerung über den Film und seine Fehlgriffe verzogen hat, gerät Gnade nicht in Vergessenheit und begleitet den Betrachter. Der Film hat was. Auch wenn es Glasner mit seinem forcierten Düstermann-Gestus geradezu darauf anlegt, mit Hohn und Spott belegt zu werden, ist Gnade trotz all seiner Defizite und Gewolltheit einen Blick wert. Hier will jemand die Grenzen gängiger deutscher Dramenkost hinter sich lassen, nach den Sternen des großen Dramas skandinavischer Schule greifen und scheut nicht davor zurück, mit seinen Ambitionen auch so manches Fettnäpfchen zu touchieren. Wo sich der geschmackssicher gebende deutsche Film gern damit begnügt, Fragen in den Raum zu stellen und sich vornehm in Schweigen zu hüllen, liefert Glasner die Antworten gleich mit. Die sind dabei oft genug von provozierender Einfachheit. So wird die dreifach gestellte Frage nach der Möglichkeit, begangene Sünden zu verarbeiten mit entschiedener Einfachheit beantwortet (Ja, Nein, Vielleicht). Das wird ihm so manche Kritik einbringen, doch Inkonsequenz kann man ihm nicht ankreiden. Die Bilder können indes nur als wahre Pracht bezeichnet werden und brauchen keinen internationalen Vergleich scheuen. Zwar schreien die Impressionen der eisigen Steppen, der nördlichen Ölraffinerien und der fluoreszierenden Lichter der Polarnächte danach, als Seelenlandschaften verstanden zu werden, doch verfehlt die karg-unwirtliche Schönheit der Landschaft und des Nachthimmels ihre Wirkung nicht. Das Gleiche läßt sich über die Darstellerriege sagen, die zwar auf Teufel komm raus in einem Sumpf aus Rotz und Wasser baden muß, gerade in zurückgenommenen, konzentrierten Momenten aber die Leinwand zum Glühen bringt. Aller Forciertheit zum Trotz ist Gnade in seinem Mut zum Exzeß eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Kinojahr 2012. 2012-10-18 14:33

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