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Angels’ Share – Ein Schluck für die Engel

The Angels’ Share. GB/F/B/I 2012. R: Ken Loach. B: Paul Laverty. K: Robbie Ryan. S: Jonathan Morris. M: George Fenton. P: Entertainment One, Sixteen Films, Why Not Productions, Wild Bunch u.a. D: Roger Allam, John Henshaw, Daniel Portman, William Ruane, Lorne MacFadyen, Paul Brannigan, David Goodall, Jasmin Riggins u.a.
101 Min. Prokino ab 18.10.12

Das Leben ist eines der härtesten

Von Sebastian Gosmann Vor nicht allzu langer Zeit war Paul Brannigan noch einer von den vielen Jugendlichen im Glasgower Problemviertel Barrowfield, die im verheerenden Kreislauf aus Arbeitslosigkeit, Drogenmißbrauch und Gewalt gnadenlos unterzugehen drohen. Der 25jährige Schotte hatte bereits einige Straftaten begangen und mehrere Jahre hinter Gittern verbracht, als Ken Loach – der Sozialarbeiter unter den britischen Filmemachern – sich seiner annahm.

The Angels’ Share ist ein flammendes Plädoyer für die berühmte zweite Chance im Leben; und mit der Entscheidung für Brannigan als Hauptdarsteller geht der Regiealtmeister nicht nur mit gutem Beispiel voran. In gewisser Weise unterzieht er sein Werk auch gleich einem Realitäts-Check, denn mit Paul Brannigans Leistung steht und fällt die Aussagekraft des Films.

Aber Loach, der schon die Hauptrollen in Kes (1969) und Sweet Sixteen (1998) mit Laiendarstellern besetzte, stellt ein weiteres Mal sein Gespür für schlummernde Schauspieltalente unter Beweis. Wie zuvor David Bradley und Martin Compston erweist sich auch Brannigan als exzellente Wahl. Die biographische Nähe zu seiner Figur befähigt ihn augenscheinlich nicht nur dazu, der Rolle des Robbie die nötige »Straßenhärte « zu geben; in den zarten Momenten des Films kann er gleichermaßen überzeugen.

Auf formaler Ebene überrascht Loach mit einem recht ungewöhnlichen Genre-Mix aus sozialrealistischem Drama und launigem Caper Movie. Zunächst bewegt sich der Regisseur noch auf bekanntem Terrain, erzählt routiniert aus einem Milieu, das er schon vor langer Zeit filmisch erschlossen hat. Er stellt Robbie als wehrloses Opfer seiner prekären Lebensumstände vor, der dazu verdammt scheint, ein hartes Leben zu führen. Ständig wird der kleine, schmächtige Mann auf der Straße angemacht, wird beschimpft, bedroht, verprügelt. Erst später rückt Loach dieses Bild zurecht, wenn Robbie während eines beklemmenden Täter-Opfer-Treffens mit den Folgen seiner gewalttätigen Vergangenheit konfrontiert wird. Die Aufnahmen der Überwachungskamera zeigen Robbies andere Seite. Wir sind schockiert, erkennen aber auch, daß er selbst nicht minder erschrocken ist. Ein Umdenken hat bereits stattgefunden, doch fehlt es dem jungen Vater an den Mitteln für einen Neuanfang.

Loachs Filme leben vor allem von der außerordentlichen Realitätsnähe, die er nicht zuletzt dank seiner ungemein natürlich agierenden Darsteller und seinem ausgeprägten Hang zur Improvisation erreicht. Auch die erste Hälfte von The Angels’ Share bietet lebensnahe Figuren mit echten Problemen und erreicht ein gewohnt hohes Maß an Glaubwürdigkeit.

Doch als Robbie und seine drei Komplizen sich dann in die Highlands aufmachen, meinen es Loach und sein aktueller Hausund Hofautor Paul Laverty ein bißchen zu gut mit ihren Schützlingen. Mit geradezu väterlicher Fürsorge weisen sie ihnen den Weg in eine bessere Zukunft und verbreiten dabei einen in Loachs OEuvre nie dagewesenen Optimismus. Der Film wechselt nun endgültig sein Genre – und verliert prompt an Überzeugungskraft. Schon der mit dem nicht mehr ganz taufrischen Proclaimers-Hit »500 Miles« eingeleitete Dynamikwechsel wirkt arg bemüht, dem Plot fehlt es fortan an Spannung, der Inszenierung an Biß. So fühlt sich der Einbruch des Quartetts in die Whisky-Destillerie, um den sich im zweiten Teil des Films alles dreht, an wie ein gemütlicher Spaziergang und keineswegs wie der große Coup ihres Lebens, der durchaus im Knast enden kann.

Selbst der Humor, der sonst bei Loach so hervorragend funktioniert, wirkt in The Angels’ Share – bis auf wenige Ausnahmen – seltsam gezwungen. Potentiell komische Szenen geraten nicht selten zu erschreckend einfallslosen, geradezu plumpen Lachnummern, die zumeist auf Kosten des extrem kurzsichtigen und unfaßbar tumben Albert gehen. Spätestens wenn die vier Kilt- Träger dann vor einer ganzen Busladung peinlich berührter Nonnen stehen, drängt sich der Begriff »altbacken« auf. Zumindest seinem Stammpublikum dürfte Loach mit derlei Scherzen nicht mehr als ein müdes Lächeln abringen können. Aber vielleicht liegt ihm die positive Botschaft seines Films ja auch nur so sehr am Herzen, daß er damit eine gänzlich andere Klientel ins Kino locken will: die große Masse. 2012-10-18 13:56

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