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Ein griechischer Sommer

Nicostratos le pélican. F/GR 2011. R,B: Olivier Horlait. B: Eric Boisset. K: Michel Amathieu. S: Serge Bourdeillettes. M: Panayotis Kalantzopoulos. P: Wesh Wesh Productions, Studio 37, Nexus Factory u.a. D: Emir Kusturica, Thibault Le Guellec, François-Xavier Demaison u.a.
95 Min. Neue Visionen ab 11.10.12

Emir und die Wildgänse

Von Nicole Ribbecke Das Leben im von Emir Kusturica gegründeten »Küstendorf« Drvengrad in Serbien stellt man sich als ein einziges, ausgelassenes Feuerwerk vor, nicht zuletzt durch seine Funktion als Drehort von Das Leben ist ein Wunder. Wie sollte es anders sein als in den verschrobenen Bilderexplosionen des serbischen Filmemachers, in denen Balkan-Blaskapellen zum Verzehr von Selbstgebrautem musizieren. Nun entstammt Ein griechischer Sommer aber nicht den skurril-absurden Traumwelten Kusturicas, er darf hier zur Abwechslung und zur Freude des Zuschauers als Protagonist mitmischen, sondern ist das Spielfilmdebüt Olivier Horlaits, der hier in die Stapfen des eher kitschigen Familienfilms in der Tradition von Amy und die Wildgänse tritt. Drum geht es an dieser Küste eines griechischen Fischerhafens dann auch etwas konventioneller zu. Da zanken sich mies gelaunte Fischer, lärmende Marktfrauen, lächerliche Touristen, ungezogene Kinder, liebenswerte Priester und geschäftstüchtige Bistrobesitzer in harmlos-sympathischer Mittelmeermanier um einen Pelikan. Dank der wirklich perfekt auf ihn zugeschnittenen Grummelrolle Emir Kusturicas darf es dann aber doch etwas Hochprozentiges und sogar mal eine Ohrfeige geben.

Der Rest ist Inselpoesie: Traumbuchten azurblauen Wassers, Fischernetze, sonnengebräunte Haut, selbst geschöpfte Milch der meckernden Hausziege, das erste Verliebtsein im Sand, Badeidylle und ein Fährenausflug nach Athen. Ein griechischer Sommer aus dem Bilderbuch.

Einem Gute-Nacht-Buch für Kinder scheint dann auch das klassische Kind-Tier-Drama, das sich in diesem in sich geschlossenen Eilandkosmos abspielt, entsprungen. Ein Junge findet einen Pelikan. Umblättern. Der Junge und der Pelikan werden beste Freunde. Umblättern. Der Vater des Jungen ist gegen den Pelikan. Umblättern. Der Pelikan ist in Gefahr usw. Wie die Geschichte ausgeht, ist wenig erstaunlich, aber dafür umso reizender und gänzlich unpolitisch. Da darf man die Euro-Krise ruhig mal für einen kurzen Moment vergessen und sich über eine griechisch-französische Zusammenarbeit freuen. Kinder und Tiere eignen sich dafür wohl am besten. 2012-10-11 12:34

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #68.
© 2012, Schnitt Online

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