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Italy – Love It, or Leave It

D/I 2011. R,B: Gustav Hofer, Luca Ragazzi. K: Michele Paradisi. S: Desideria Rayner. M: Santi Pulvirenti. P: hiq productions.
75 Min. deja vu ab 4.10.12

Klischee to go

Von Tina Kaiser Denk ich an Italien… Tja, an Italien denkt man heute nicht mehr wirklich allzu oft, und wenn, dann weil es mal wieder richtig bitter wird, jenseits der guten Pizza vom Italiener um die Ecke. Die Skandale rund um einen nicht mehr erwähnenswerten Ex-Regierungschef, die Müllmafia, die verseuchten Meere und Seen… Einher geht das Ganze mit einer Verwunderung: Da waren doch die 1950er und Italien als Sehnsuchtsort aller Nord- bis Mitteleuropäer, die großartigen Filme der 1960er, Renaissance und Mozzarella… – es gab und gibt so vieles wofür der Rest Europas dankbar ist. Und überhaupt: Die Kaffeekultur – als man Mitte der 1990er in Rom war, wollte man doch fast seinen Augen nicht trauen beim Anblick eines Latte Macchiato. Ein paar Jahre später hat er dann auch in Berlin Einzug gehalten.

Heute ist es eher so, daß die mittlerweile auch schon wieder berühmte italienische 1.000 Euro-Generation Einzug in Berlin hält. Italien ist nicht mehr finanzierbar für gut bis bestens ausgebildete Mittzwanziger bis Mittdreißiger, die nicht mehr ihren Eltern auf der Tasche liegen und auch nicht gerade für einen Stundenlohn von 3,50 Euro arbeiten gehen wollen. Die beiden Filmemacher gehören dazu. Sie fragen sich: gehen oder bleiben? Gustav, ein deutschlandaffiner Südtiroler, will nach Berlin. Sein Freund Luca will sein Land nicht aufgeben und versucht, Gustav bei einer gemeinsamen Rundreise durch Italien vom Bleiben zu überzeugen.

Nach dem Erstling Suddenly, Last Winter haben Luca Ragazzi und Gustav Hofer ein weiteres Portrait ihrer Landsleute aus engagierten Einzelgängern, wütenden Konservativen und schamhaften Wortlosen gezeichnet. Und so kommt man einmal mehr aus dem Staunen fast nicht mehr raus: komplett wahnsinnige, unfertige Großbauprojekte, verstreut über ganz Sizilien, eine kalabrische Bürgermeisterin, die in aller Seelenruhe von den Mafiaanschlägen auf sich und ihre Mitarbeiter berichtet, ein schwuler, marxistischkatholischer regierender Einzelkämpfer in Apulien, schimpfende Berlusconiwähler, die den Filmemachern sagen, sie sollten endlich arbeiten gehen. Ein Land mit vielen Worten – und doch ohne Worte. 2012-10-04 13:47

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #68.
© 2012, Schnitt Online

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