— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Parada

SRB 2011. R,B: Srdjan Dragojevic. K: Dusan Joksimovic. S: Petar Markovic. M: Igor Perovic. P: Delirium, Eurimages, Film and Music Entertainment, Forum Ljubljana u.a. D: Nikola Kojo, Milos Samolov, Hristina Popovic, Goran Jevtic, Goran Navojec, Dejan Acimovic, Toni Mihajlovski, Natasa Markovic u.a.
115 Min. Neue Visionen ab 13.9.12

Bewegte Männer

Von Franziska Schuster Mitte August 2012 veröffentlichte die Wochenzeitung ZEIT eine »Chronik der Diskriminierung – und der Befreiung« von Homosexuellen in Deutschland. Meilenstein des Jahres 1994 ist der Kinostart des Films Der bewegte Mann. In Serbien hat es der äquivalente Befreiungsfilm erst im Jahr 2011 ins Kino geschafft: Srđan Dragojevićs überraschende Erfolgskomödie Parada verzeichnete in den als homophob bekannten Ex-jugoslawischen Republiken beachtliche Besucherzahlen.

Die unterhaltsame Geschichte des Films fußt auf einer bitteren Wahrheit – der von tausenden Neonazis angegriffenen Gay-Pride-Parade in Belgrad im Jahr 2010. Der Bilderbuch-Macho und Kriegsveteran Limun wird von seiner launischen Braut erpresst. Wenn sie die gemeinsame Hochzeit nicht platzen lassen soll, muß er ihre neuerwählten Schützlinge unter die Fittiche seiner Sicherheitsfirma nehmen. Dummerweise sind die Schützlinge die Mitglieder einer schwul-lesbischen Bürgerinitiative, deren Ziel die Veranstaltung einer Gay-Pride-Parade ist. Und Limuns Kollegen sind derart vorurteilsbeladen, daß sie sich weigern, den Job zu übernehmen. Auf der Suche nach Personal für den Schutz der geplanten Parade machen sich Limun und der schwule Tierarzt Radmilo im pinken Mini auf den Weg und rekrutieren eine lustige multiethnische Mini-Armee. Limuns Haus in Belgrad mutiert zur temporären Groß-WG, in der Homo- und Heterosexuelle feststellen, daß die Gräben zwischen ihnen doch nicht so unüberwindbar sind. Spätestens als sich die unkonventionelle Truppe in Belgrad einer Meute gewaltbereiter Neonazis gegenüber sieht, wird alles blutiger Ernst.

Dragojević verwendet die klassischen Zutaten einer guten Tragikomödie, gepaart mit den Eigenheiten der regionalen Filmgeschichte: Eine leichtfüßige Erzählung mit ausreichend Tiefgang und authentischen Emotionen, bekannte Schauspieler und eine grenzüberschreitende Geschichte mit einer ordentlichen Portion Selbstironie. Das Ergebnis ist ein überzeugender Film, der nur zur Mitte hin stellenweise ins allzu klamaukich-oberflächliche abgleitet, ansonsten aber tatsächlich Anlaß zum Lachen und zum Weinen gibt. Sein wirklicher Verdienst ist jedoch die Aufklärungsarbeit, die er leistet. Die Einschätzung eines Kritikerkollegen »Bekanntes Thema, paar Klischees, aber gut umgesetzt« stimmt nämlich insofern nicht, als das »Thema« im Balkanraum eben nicht »bekannt« ist, sondern nach wie vor auf Unwissenheit und Vorbehalte stößt.

So klischeehaft jemandem, der vor 18 Jahren den Bewegten Mann im Kino gesehen hat, heute die Figuren in Dragojevićs Film vorkommen mögen, so selten hat man vergleichbares auf serbischen Leinwänden gesehen. Der Regisseur wußte, was er tat, als er während der Arbeit an dem Projekt auf geringstmöglichen Öffentlichkeitsrummel achtete. Letztendlich geht er derart diplomatisch vor, daß er dem Publikum sogar den (noch?) schockierenden Anblick eines homosexuellen Kusses erspart. Vielleicht ist das durchaus geschickt, und es schleicht sich trotz aller Stereotype ein erster Funke von Verständnis beim Publikum ein. »Ihr seid ja gar nicht anders als wir Normalen«, lautet einer der Schlüsselsätze, der vor dem Hintergrund regelmäßiger Übergriffe auf Homosexuelle in Serbien weniger banal ist, als er klingt. Brav wirkt der Film sicher nur aus deutscher Perspektive.

Dragojević, der einen Teil seiner Filmlaufbahn in Hollywood absolviert hat, ist in Ex-Jugoslawien für die Verfilmung kontroverser Themen bekannt. Seine frühen Filme triefen vor Sarkasmus und sind hochgradig politisch unkorrekt – vor allem aber sind sie stets politisch. Inspiriert von Apokalypse Now sinniert er in der düsteren Satire Pretty Village Pretty Flame (1996) über die Sinnlosigkeit des Bruderkrieges. Mit viel Tempo, schwärzestem Humor und Kultfilmpotential schildert er in Rane (1998) den Zerfall der Gesellschaft aus der Perspektive zweier Pubertierender, die sich vor dem Hintergrund des ausbrechenden Kriegs zu Gangstern mausern. Und selbst der viel konventionellere und pathosgeladene St. George Shoots the Dragon (2009, bis dahin teuerste serbische Filmproduktion aller Zeiten, Anklänge an den magischen Realismus und der Versuch, das nationale Trauma des ersten Weltkriegs aufzuarbeiten, aber an der Kinokasse ein Flop) hat den Anspruch, heiße Eisen anzufassen.

Parada ist vielleicht nicht Dragojevićs drastischster, in jedem Fall aber ein mutiger Film. Daß er den Publikumspreis im Berlinale-Panorama 2012 gewonnen hat, verdankt er nicht zuletzt der flotten Komik, in die er sein brisantes Thema verpackt. Das ist keine Mogelpackung, sondern der bewundernswerte Versuch, angesichts von Gewalt und Ignoranz nicht den Humor zu verlieren. 2012-10-03 12:12
© 2012, Schnitt Online

Sitemap