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Call Me Kuchu

USA 2012. R,K,S: Katherine Fairfax Wright. R: Malika Zouhali-Worral. M: Jonathan Mandabach.
87 Min. Arsenal Institut ab 20.9.12

Portrait, Manifest, Requiem

Von Jochen Werner Im April 2009 begann eine ugandische Tageszeitung mit dem Abdruck von Fotographien dadurch unfreiwillig geouteter Homosexueller, mit der eindeutigen Absicht, diese dem Haß homophober Schlägertrupps preiszugeben; ein Jahr später ging ein lokales Magazin noch einen Schritt weiter, indem eine Liste von 100 Schwulen und Lesben mit Fotos, Adressen und dem offenen Aufruf zu ihrer Ermordung publiziert wurde. Es ist ein schlimmes, von Haß und Gewalt geprägtes gesellschaftliches Klima, in dem David Kato es als erster Ugander wagt, sich offen zur Homosexualität zu bekennen, für Gleichheit und Toleranz zu werben und mit einer kleinen Gruppe von Mitstreitern juristisch gegen einen skandalösen Gesetzesentwurf vorzugehen, dem zufolge nicht nur die Verfolgung der ohnehin noch immer strafbaren Homosexualität durch die Drohung lebenslanger Haft bis hin zur Todesstrafe dramatisch verschärft werden soll. Zudem soll bereits die Mitwisserschaft über homosexuelle Handlungen drakonisch bestraft werden. Die Regisseurinnen von Call Me Kuchu portraitieren Katos Versuch, unter den Bedingungen von Haß und Angst ein offenes und selbstbewußtes homosexuelles Leben zu führen: ein Versuch, der angesichts der omnipräsenten Bedrohung immer wieder schmerzlich scheitern muß – und der in eine Tragödie mündet. Am 26. Januar 2011 wird Kato in seinem Haus in Mukono durch Hammerschläge auf den Kopf getötet. In diesem Moment könnte Call Me Kuchu, der bis dahin noch ein Manifest der Lebenslust, gerade angesichts der Allgegenwart von Gewalt und Todesdrohung, war, zum Requiem werden – wenn nicht noch Katos Begräbnis von den homophoben Haßpredigern als propagandistisches Schlachtfeld mißbraucht würde. Auch der juristische Erfolg gegen die menschenverachtende Anti-Homosexuality Bill ist nur ein vorläufiger Sieg: Der Gesetzesentwurf wurde bis heute weder zurückgezogen noch endgültig verworfen, sondern wird von seinem Verfasser, dem Abgeordneten David Bahati, immer wieder aufs Neue zur Abstimmung vorgelegt. Alle offen Homosexuellen in Uganda leben folglich bis heute im Bewußtsein, daß das Schicksal David Katos auch ihnen droht, womöglich gar mit staatlicher Billigung. Für sie gilt jeden Tag: a luta continua, der Kampf geht weiter. 2012-09-20 15:49

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #67.
© 2012, Schnitt Online

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