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Liebe

Amour. D/F/A 2012. R,B: Michael Haneke. K: Darius Khondji. S: Nadine Muse, Monika Willi. P: Les Films du Losange, X-Filme Creative Pool, Wega Film. D: Isabelle Huppert, Jean-Louis Trintignant, William Shimell, Emmanuelle Riva, Rita Blanco, Laurent Capelluto, Alexandre Tharaud, Ramón Agirre, Carole Franck u.a.
125 Min. X Verleih ab 20.9.12

Die Liebe in Zeiten des Schlaganfalls

Von Robert Cherkowski Was man auch tut und wie sehr man sich auch sträubt – am Ende gewinnt der Mann in Schwarz. Der Tod gewinnt, weil er nicht kämpfen muß, sondern die Zeit für sich arbeiten läßt. Der Tod ist die Bühne, auf der sich die ältesten Dramen der Welt abspielen. Wie eine fünfte Jahreszeit wird er auch in die geräumige Altbauwohnung des Seniorenpaares Georges (Jean-Louis Trintignant) und Anne (Emmanuelle Riva) einbrechen und den geruhsamen Lebensabend der Klavierlehrerin und des Professors in finsterste Nacht verwandeln. Die Verdüsterung setzt ein, als Anne eines Morgens von einem Moment auf den anderen katatonisch vor sich hinstarrt: Schlaganfall. Damit fällt der Startschuß für eine Tour de Force, die in ihrer Alltäglichkeit und ihrer unspektakulären Vorbestimmtheit keinen Platz für spekulativen Schauwert oder dramatisches Auf und Ab bietet und gerade dadurch umso schockierender wirkt.

Hanekes höchst verdienter Palme d’Or-Gewinner Liebe ist kein Film des Kampfes, da der Sieger schon von Anfang an feststeht. Die Frage ist vielmehr, »wie« das ältere Ehepaar sich dem letzten Kampf stellen wird, den der österreichische Filmphilosoph ihnen hier denkbar hart und entbehrungsreich macht. Stück für Stück wird er ihnen eine Stütze nach der anderen nehmen und ihr Leben zu einem Endspiel der Entbehrung und der körperlichen wie seelischen Entkräftung machen. Inszenatorisch gibt es Haneke wie er leibt und lebt, wenn er seine Protagonisten in sachlich übersichtlichen Tableaus mit dem Interesse eines Insektenforschers unter die Lupe nimmt. Der immer wieder gern angebrachte Vorwurf, daß bei seinen filmischen Studien zur Conditio humana dabei auch ein gehöriges Quäntchen Sadismus im Spiel ist, steht auch hier zur Debatte, doch wird dieser entkräftet durch die Warmherzigkeit, mit der er Georges und Anne auf ihrem Opfergang einfängt. Fragend scheint Trintignant vor dem Martyrium des leidvollen Todes seiner Gattin zu stehen und um eine Antwort zu ringen, warum gerade ihnen jener Spießrutenlauf aufgetragen wird. Eine Antwort wird er nicht erhalten, dafür jedoch die Kraft, den Weg bis zum ganz bitteren Ende zu gehen. Haneke ist schonungslos genug, auf den geplagten Gesichtern zu verharren, doch auch pietätvoll genug, das ohnehin schreckliche Los seines Paares nicht bis auf das letzte Quäntchen Elend zu durchleuchten. Selbst wenn es ans Eingemachte geht und Alltäglichkeiten wie Waschen und Essen zu Belastungsproben für die Rollen, die Darsteller und nicht zuletzt den Zuschauer werden, wird den Protagonisten hier ein Refugium an Würde gelassen. Anstatt jede Thrombose und jedes noch so erschütternde Detail ins Zentrum des Blickfeldes zu rücken und Sterbe-Exploitation abzuliefern, bleibt Liebe ein aufgeräumtes, klar strukturiertes und dadurch universelles Drama, über das was bleibt, wenn alles verschwindet. Wo Andreas Dresens Halt auf freier Strecke ein Film über schmerzerfüllte Schreie in den Armen der Familie war, ist Liebe ein Werk des stillen Schluchzens in völliger Einsamkeit.

Die Würde, mit der das Darstellergespann Trintignant und Riva hier das letzte Stück des Weges geht, ist bestechend, und es ist müßig, hier die darstellerische Konzentration und Nuanciertheit Trintignants gegen den Mut und die Körperlichkeit Rivas aufzurechnen. Die immer wieder kurz auf- und abtauchende Isabelle Huppert als machtlose Tochter Eva nimmt dabei die ebenso machtlose Position des Zuschauers ein, der beweinen und verzweifeln, jedoch nicht eingreifen oder den bitteren Moll-Ton des Films aufhellen kann. Die Leistungen sprechen für sich und für den Regisseur, der sie entlockt hat. Spätestens wenn Georges auf der Zielgerade des Films über lange, doch nie langweilige Minuten hinweg versucht, eine Taube zu fangen und eben diese Szene, von der man schon eine schreckliche Pointe erwartet, in einem der bewegendsten und zärtlichsten Momente des Kinojahres kulminiert, ist auch Hanekes Image des kalt-analysierenden Publikumsverächters dahin. Hier trifft er mit der Wucht eines Schwerthiebes und der Genauigkeit eines Nadelstichs ins emotionale Schwarze und entläßt sein Publikum fassungslos.

Am Ende hat der Mann in Schwarz wieder einmal gewonnen, doch der Titel deutet an, daß es manchmal nur Teilsiege sind. 2012-09-20 14:45

Abdruck

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