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Wir wollten aufs Meer

D 2012. R,B: Toke Constantin Hebbeln. B: Ronny Schalk. K: Felix Novo de Oliveira. S: Simon Blasi. M: Stéphane Moucha, Nic Raine. P: Frisbeefilms, UFA Cinema. D: Alexander Fehling, August Diehl, Sven Gerhardt, Phuong Thao Vu, Sylvester Groth, Thomas Lawincky, Hans-Uwe Bauer, Ronald Zehrfeld u.a.
116 Min. Wild Bunch ab 13.9.12

Ein alter Kahn

Von Susan Noll In diesem Film fehlt etwas. Er beginnt mit zwei Freunden, Conny und Andi, die zur See fahren wollen, als Matrosen auf einem großen Schiff. Dann ein Schnitt, „Drei Jahre später“ verrät die Einblendung. Conny sitzt in einem Hausflur, raucht eine verzweifelte Zigarette. Er ist offensichtlich an Land und nicht auf See, wie es sein Traum gewesen war. Ein letztes Mal tastet er seinen Körper ab, ob das Tonbandgerät läuft, mit dem er die Aussagen seines Brigadiers Matze aufzeichnen soll. Geplante Republikflucht wird da vermutet und Conny spielt den Spitzel, der seinem Vorarbeiter das unfreiwillige Geständnis zu entlocken hat. Jetzt beginnt ein Film, der sich über fast zwei Stunden hinzieht, seine wichtigste Geschichte aber zu erzählen vergißt.

Der interessante Teil des Filmes liegt zwischen seinem Beginn und der Handlung nach dem Zeitsprung. Diese Handlung zeigt uns Figuren, die zu Verrätern geworden sind, an ihren Freunden, an ihrer eigenen Aufrichtigkeit und an ihren Träumen. Der von Alexander Fehling erst recht kühl und dann immer sentimentaler werdend gespielte Conny versucht schließlich aus der DDR zu fliehen, er hat sich auf seine Loyalität zu seinem Vorgesetzten und zu seiner Freundin besonnen. Aus den Verpflichtungen, die er mit seiner Arbeit für die Stasi eingegangen ist, sieht er nur den Ausweg, das Land zu verlassen. Doch er wird gefaßt, sein Gegner ist stärker als gedacht. Andi, der von Beginn an eher als der Macher inszeniert wird, bleibt als Spitzel in der DDR. August Diehl gibt in seiner Rolle wieder einmal den fahrigen, nervös-bedrohlichen schmalen Mann am Rande des Wahnsinns, die Augen weit aufreißend, herumschreiend, unkontrollierbar. Das hat man leider schon zu oft von ihm gesehen, Komplexität kann er seiner Figur dadurch nicht hinzufügen.

Auf dieser Schiene fährt der ganze Film. Die Stimmung ist dicht, die Handlung schreitet schnell voran, dabei bleiben aber die Zwischentöne auf der Strecke. Warum wird ein Freund zum Spion, warum verrät er die eigenen Ideale, was macht ihn zum Handlanger eines unmenschlichen Systems? Freund und Feind, Opfer und Täter sind auch wieder gut aufgeteilt. Schickt sich eine Figur an, dieses Schema zu durchbrechen, wie es bei Andi ganz am Rande aufblitzt, so wird sie als Verlierer degradiert. Auch dramaturgisch trägt sich das wenig, die Fronten sind schließlich schon so gut wie geklärt in diesem Film, es geht jetzt nur noch darum, möglichst wirksame Ereignisse – wie die Inhaftierung Connys im dunkelsten Loch der DDR-Gefängnisse – zu inszenieren und viel Handlung über mehrere Jahre hinweg zu erzählen, anstatt die Figuren zu psychologisieren. Wir wollten aufs Meer beschäftigt sich mit den Ergebnissen der Manipulationsversuche an Menschen in der DDR, nicht mit den Menschen selbst. Die finden nur in dem Stück zwischen Filmbeginn und der eigentlichen Filmhandlung statt. Leider ist das, was man hier zu sehen bekommt, nichts anderes als ein alter Kahn, der sich auf unruhiges Fahrwasser begibt. 2012-09-20 14:37
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