— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Berg Fidel

D 2011. R,B: Hella Wenders. K: Merle Jothe. S: Verena Neumann. M: Thom Hanreich. P: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB).
87 Min. W-Film ab 13.9.12

Alle inklusive!

Von Dominik Bühler Der »Schulfrieden« sei erreicht, tönt es im Wahlkampf. Doch wie das bei Kriegen so ist, bedeutet ein Waffenstillstand noch kein Ende der Gefechte. Der Kampf um das richtige Schulsystem geht weiter und eines der Reizworte der Debatte ist Inklusion – ein vielgeliebter, zugleich aber höchst umstrittener und wenig umgesetzter Begriff.

Berg Fidel ist eine Grundschule in Münster, die alle Kinder ihres Einzugsgebiets aufnimmt und keines während der vierjährigen Schulzeit auf eine Förderschule überweist. In altersgemischten Klassen lernen sie – jeder nach den eigenen Bedürfnissen – von- und füreinander. Sie werden involviert, übernehmen Küchendienste, halten Klassenrat, helfen sich gegenseitig und werden sich selbst zum Lehrer. Dieses Prinzip überträgt der Film auf seine Erzählweise. Berg Fidel ist kein Portrait der Schule, sondern eine leise Beobachtung von vier Schülern im Schulalltag und in der übrigen Lebenswelt. Auf erklärende Kommentare von Erwachsenen wird verzichtet. Nur spärliche Texteinblendungen bieten ein paar Fakten und manchmal würde man gerne mehr erfahren, über die Schule und ihr Konzept, über die diagnostizierten Defizite oder Besonderheiten der Schüler, aber man muß es nicht. Die Kinder sprechen für sich, offenbaren ihre Gedanken, Wünsche und Ängste und beweisen dabei mitunter eine enorme Reflektionsstärke. Wie »behindert« oder »begabt« sie sind, das zeigen bzw. relativieren sie selbst. Der Film betont auf diese Weise auf mehreren Ebenen die Wichtigkeit der Wertschätzung des Einzelnen und seiner Eigenheiten. Ein großer Gewinn sind dabei Protagonisten wie der hochbegabte, im Seh- und Hörvermögen aber eingeschränkte David, der einen immer wieder in Staunen versetzt.

Dramaturgisch ist der Film mitunter etwas unkonzentriert – einige Episoden fügen dem Ganzen nichts Wesentliches hinzu – doch am Ende wird es umso spannender. Die Frage, was nach der Grundschulzeit aus den Kindern wird, unterstreicht ein Hauptproblem des hiesigen Bildungssystems und läßt das Gezeigte in einen politisch äußerst relevanten Film und ein überzeugendes Plädoyer für Inklusion und das Zulassen von Vielfalt kulminieren. 2012-09-10 16:24

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #67.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap