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Revision

D 2012. R,B,S: Philip Scheffner. B: Merle Kröger. K: Bernd Meiners. P: pong Kröger & Scheffner.
110 Min. RealFiction ab 13.9.12

An einem Tag im Juni

Von Tamar Baumgarten-Noort Ein Feld steht in Flammen und zwei Menschen sterben. Damit beginnt und endet die Geschichte, die Philip Scheffner in seinem großartigen Dokumentarfilm erzählt. Inmitten eines Weizenfeldes an der deutsch-polnischen Grenze werden zwei rumänische Familienväter aus dem Leben gerissen. Zwei Männer auf dem Weg nach Deutschland, in ein neues Leben. Ihre Geschichte ist 1992, kurz nach der Wende, zu Ende – bevor sie überhaupt begonnen hat. Das Feld in Flammen ist zugleich Ausgangspunkt. Denn die Umstände, unter denen die beiden umkamen, sind auch zwanzig Jahre später noch nicht geklärt. Nach offiziellen Angaben wurden sie bei einem Jagdunfall erschossen, weil Jäger sie für Wild hielten. Doch bis heute ist nicht bekannt, das Feld in Brand geriet, die Polizei erst Stunden später am Tatort erschien, wichtige Zeugen nie gehört wurden – und die Staatsanwaltschaft das Verfahren irgendwann einstellte.

Der Film stellt die Fragen, die damals niemand stellen wollte. Dennoch ist Revision weit davon entfernt, nur einen ungeklärten Mordfall zu lösen. Ein investigativer Film hätte ein vorher festgelegtes Ziel: die tatsächlichen Geschehnisse aufzudecken und der Geschichte damit ein Ende zu geben. Scheffners Film verweigert sich diesem Abschluß. Die Geschichte kann gar nicht enden, weil sie längst Teil der deutschen Geschichte und Teil der F amiliengeschichte jener ist, die umgekommen sind. Formal findet Scheffner dafür eine ganz eigene Sprache, die dennoch absolut dem Sujet angemessen ist.

Zu Beginn des Films kommen die rumänischen Familien zu Wort. Die erwachsenen Kinder, die sich an den Vater zwar erinnern, aber den größten Teil ihres Lebens ohne ihn bestritten haben – sie zeigen besonders deutlich, daß die Geschichte sich stetig fortsetzt. Sie tragen ihre vaterlose Kindheit mit hinein in ihre Zukunft. Revision schaut sich an, wie die Weichen in der Vergangenheit gestellt wurden, um das Heute zu dem zu machen, was es ist – im Kleinen, für zwei rumänische Familien, und im Großen, für den Staat Deutschland und die Gemeinschaft Europas.

Der Film ist eine Revision im wahrsten Sinne des Wortes. Revision bedeutet Rückschau, Überprüfung des Bisherigen. Es impliziert ein Innehalten im Fortgang der Zeit, ein bewußtes Sich-Zurück-Drehen. Es bedeutet, eine kleine, tragische Geschichte in den Blick zu nehmen, die sich durch das beharrliche Zurückschauen zu einem unfaßbaren Drama entwickelt.

Die Aussagen seiner Gesprächspartner nimmt Scheffner auf Tonband auf – anschließend spielt er ihnen die Aufnahmen vor laufender Kamera vor. Wir können im Gesicht lesen, während sie ihren eigenen Schilderungen lauschen. Das verrät nicht nur viel über den Menschen selbst, es führt auch dazu, daß eine doppelte Rückschau stattfindet: Meist ergänzt der Erzähler das soeben Gehörte noch mit zusätzlichen Gedanken, relativiert Aussagen oder fügt neue Informationen hinzu. Dieser flexible Umgang mit dem Gesagten zeigt, daß nichts einfach nur wahr wird, weil es irgendwann gesagt wurde. Scheffner treibt die Revision gar so weit, daß Raum- und Zeitebenen zu verschwimmen scheinen. Er schickt das Ermittlungsteam von damals erneut ins Feld. Eine Totale fängt die verschiedenen Grüppchen ein, die sich weit voneinander entfernt einen Weg durchs hohe Mais bahnen und sich dabei unterhalten. Weil die Tonspur mal der einen, mal der anderen Unterhaltung folgt, entsteht der Eindruck, an mehreren Orten gleichzeitig zu sein – Raum und Zeit heben sich auf, das Abtauchen in verschiedene Ebenen der Vergangenheit scheint perfekt.

Revision ist zwar eine Spurensuche, Scheffner möchte wissen, was damals geschehen ist. Aber er geht nicht davon aus, daß es eine festgelegte Wahrheit gibt, die er nur ausgraben muß. Erst im Zusammenspiel verschiedener Sichtweisen eröffnet sich das wahre Drama: Wir werden heute, zwanzig Jahre später, niemals erfahren, was wirklich geschehen ist. 2012-09-10 15:24

Abdruck

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