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Herr Wichmann aus der dritten Reihe

D 2012. R,B,K: Andreas Dresen. K: Michael Hammon, Andreas Höfer. S: Jörg Hausschild. M: Jens Quandt. P: ISKREMAS.
90 Min. Piffl Medien ab 6.9.12

Draußen im Lande

Von Alexander Scholz Henryk Wichmann hat dazugelernt. Seit Andreas Dresen 2002 den damals 25jährigen Politiker »von der CDU« bei seinem schier aussichtslosen Wahlkampf – Wichmann hatte am Ende nicht einmal halb so viele Stimmen wie sein Kontrahent – begleitete, ist dieser gereift. Seine politischen Lieblingsgegner sind zwar immer noch die Umweltschützer, die unverständlicher- und vor allem unpragmatischerweise zum Wohle des gemeinen Schreiadlers den Ausbau von Fahrradwege zu verhindern trachten. Aber zu Kapriolen wie ausländerfeinlichen Äußerungen zum Stimmenfang läßt er sich nicht mehr hinreißen. Zudem organisiert er seine politische Karriere nicht mehr im Alleingang, sondern ist Teil einer Fraktion und damit an gewisse Pflichten gebunden. Ist der authentisch eigenwillige Basispolitiker nun also politically correct und in der Welt der Stoibers und Merkels angekommen, die vor zehn Jahren noch so fern und fremd schien? Wohl kaum. Vielmehr beobachtet Dresen seinen Protagonisten in dessen ausgeweiteter Kampfzone. Wichmann ist nämlich jetzt nicht mehr nur im Outdoor-, sondern auch im Indooreinsatz. Als Mitglied des brandenburgischen Landtages kann er nun beweisen, wie weit es mit seinem Anspruch von 2002, »frischen Wind in die Politik« zu bringen, nun tatsächlich her ist.

Daß Dresen Wichmann nun also in seiner neuen Umgebung, den Fluren des Landtags, begleitet, macht es möglich, ihn mit den alteingesessenen Parlamentariern direkt zu vergleichen. Von denen erntet Wichmann zum Teil nur ein müdes Lächeln für sein immer noch unermütliches Engagement »draußen beim Bürger«, zum Teil einfach nur Hohn. Wichmann also als Antiheld ohne parteipolitische Interessen? Es wäre zu einfach, Dresen diese Intention unterzuschieben, zumal er auch dieses Mal kaum kommentierend in die Dokumentation eingreift. Daß die Kamera im Sequel näher an dem Politiker ist, liegt nicht etwa an einem neuen Grad des Zutrauens, sondern schlicht an den räumlichen Begebenheiten des Indooreinsatzes. Vielmehr kann man Wichmann dabei zusehen, wie er seine Gepflogenheiten aus dem Umgang mit »den Menschen im Lande« schlicht auf den politischen Betrieb überträgt. Genauso wie es dem Jungpolitiker vor zehn Jahren beim Einsatz in der Fußgängerzone egal war, ob die Leute sich für seine Sache interessieren, ist er nun auch im politischen Alltag völlig indifferent gegenüber allen Zeichen der Zurückweisung. Ein schmaler Grad zwischen Idealismus und Tölpelhaftigkeit.

Das Bild, das notwendigerweise zu ebenjenem Charakterzug Wichmanns gehört, ist der Händedruck. Die erzwungene Nähe, das etwas unangenehme, beim Besuch von Schulklassen schmerzhaft zeitraubende Ritual, das für ihn so selbstverständlich ist. Die Anfangsszene der Dokumentation zelebriert diese Geste programmatisch, sodaß man unweigerlich an Loriots Heinrich Lohse aus Pappa ante Portas erinnert wird. Wichmann kommt zur Arbeit im Landtag und begrüßt jeden per Handschlag – um Mißverständnisse auszuschließen mit der schönen Formel »ich grüße sie«. Selbst eine Dame, die gerade ein Tablett mit Kaffee und Kuchen durch die Korridore trägt, versucht er sich zu nähern: »Gerade nicht? Alles klar!«

Herr Wichmann aus der dritten Reihe zeigt seinen Protagonisten immer wieder beim Händeschütteln und bedient sich damit eines Stilmittels, das schon den Vorgänger geprägt hat: die Repetitio. Daß Dresen diese Komik des Seriellen so ausreizt, hat zwar nie zur Folge, daß man sich langweilt, stattet den Film aber mit einem manchmal schwierig zu ertragenden Fremdschampotential aus. Es ist allerdings dem Zuschauer überlassen, ob er Wichmanns ständige Zudringlichkeit als Hingabe, Selbstzweck oder Leitbild interpretiert. Der Film erlaubt alle diese Deutungen: Mal ist Wichmann nachdenklich, ob der Tatsache, daß man durch manche Ortschaften in der Uckermark »einfach nur so durchfährt«, dann treibt ihn eine Direktive zu einer Buswendeschleife in den Wahnsinn, weil mal wieder »nur einer vom Schreibtisch aus gedacht habe“«und schließlich zeigt Dresen am Ende des Films Texttafeln zu den tatsächlichen Erfolgen Wichmanns Bemühungen. Obwohl die Hauptfigur der Doku reichlich ungewöhnlich und wohl auch einzigartig erscheint, funktioniert er trotzdem auch als Prototyp des politischen Akteurs und als Prisma der Erwartungen an diesen. Gerade diese Ambivalenz zwischen Sorge um seine Mitmenschen und der stets impliziten Annahme genau um deren Sorgen zu wissen, macht Wichmann zu einem idealen Gegenstand für Dresens Film.

Ist es aber unter diesen Voraussetzungen dem Film überhaupt möglich, Stellung zu beziehen, eine Aussage zu haben? Schmiegt er sich an seinen Protagonisten genauso an, wie dieser jedem Wähler nach dem Mund redet? Mitnichten. Weil das Stellen relevanter Fragen im Dokumentarfilm sowieso fruchtbarer ist als das reduktionistische Beantworten derselben, entfaltet Herr Wichmann aus der dritten Reihe seine emphatische Wirkung. Wieso empfinden wir einen engagierten Kümmerer als naiv? Warum befremdet die Übertragung zwischenmenschlicher Umgangsformen in den politischen Betrieb? Weshalb erscheint Wichmann als wandelnder Anachronismus? Weil er sich mit den Segelverordnungen zwischen Oberuckersee und Unteruckersee bei Prenzlau beschäftigt und mit dem Prenzlauer Berg fremdelt? Weil der neue Typ des Jungpolitikers keine Bürgerbüros, sondern Threads eröffnet? Mit der besonderen Tragikomik zwischen bierernst und Bierzelt spürt Dresen diesen Fragen nach. Dabei traut er dem Zuschauer nicht nur zu, selbst Stellung zu beziehen, er mutet es ihm zu. 2012-09-03 09:41
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