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Holy Motors

D/F 2012. R,B: Leos Carax. K: Yves Cape, Caroline Champetier. S: Nelly Quettier. P: Pierre Grise Productions, Théo Films, Pandora Filmproduktion, arte France Cinéma u.a. D: Denis Lavant, Edith Scob, Eva Mendes, Kylie Minogue, Elise Lhomeau, Jeanne Disson, Michel Piccoli, Leos Carax u.a.
115 Min. Arsenal ab 30.8.12

Paris: Mal anders

Von Jesko Jockenhövel Stretchlimousinen, diese meist weißen, über mehrere Meter langen Ungetüme, einzig und allein für Junggesellinnenabschiede konstruiert, so könnte man denken, hatten in Cannes in diesem Jahr nicht nur große Auftritte vor dem Kino, sondern auch auf der Leinwand. David Cronenberg hatte sich an eine Verfilmung von Don DeLillos »Cosmopolis« gewagt und Robert Pattinson getreu der Vorlage in eben einer solchen Limo durch eine irrationale Reise durch New York geschickt. Eine Frage, die ihn, den Banker und einen der reichsten Menschen der Welt, neben seiner asymetrischen Prosatata und dem Yuan-Wechselkurs, besonders beschäftigte, war der Stellplatz dieser Riesenfahrzeuge. Wo parken die nur nachts, ohne die Stadt zu verstopfen? Leos Carax, mit Holy Motors ebenfalls im Wettbewerb von Cannes vertreten, gibt uns jetzt eine Antwort darauf, auch wenn man diese wie sein Filmexperiment vielleicht ganz nicht so ernst nehmen muß. Sie parken in einer riesigen Tiefgarage und unterhalten sich über ihre täglichen Ausfahrten und Fahrer. War doch klar.

Damit ist auch der Ton von Carax’ erstem Langfilm seit Pola X, den er vor dreizehn Jahren fertigstellte, gesetzt. Galt Carax spätestens nach Die Liebenden von Pont-Neuf als Wunderkind des französischen Films und Quintessenz des postmodernen Filmemachers, wollte ihm danach nicht mehr viel gelingen. Mit Holy Motors wird er erneut seinem Ruf als schwieriger Filmemacher gerecht. Den Film episodisch zu nennen wäre eine schöne Untertreibung. Hier paßt vorne und hinten nichts zusammen. Das ist aber nicht unbedingt negativ gemeint.

Denis Lavant, Stammschauspieler in Leos Carax’ kargen Werk, spielt Monsieur Oscar, der wiederum viele andere Rolle übernimmt. Warum weiß man nicht genau. Von Céline, einer mysteriösen Blonden, wird er, wie Patterson in Cosmopolis durch New York, einen Tag lang durch Paris gefahren, um verschiedenen »Termine« zu erledigen. Dazu schlüpft er jedes Mal in eine andere Rolle, was auch eine totale äußere Verwandlung mit sich bringt. So verkleidet er sich einmal als grüner Gnom, sticht grundlos Leute auf einem Friedhof nieder und entführt dann Eva Mendes, um sie in eine unterirdische Grotte zu verschleppen. Ein anderes Mal übernimmt er die Vaterrolle eines jugendlichen Schulmädchens und hört sich ihre alltäglichen Sorgen an. Lavant geht dabei körperlich und schauspielerisch an alle Grenzen. Vergleichbar damit ist höchstens noch Harvey Keitels legendäre Rolle in Abel Ferraras Bad Lieutenant. Welche Rolle von Lavants vielen verschiedenen Figur dann vielleicht am Ende überhaupt der Wirklichkeit entspricht, ist letztlich folgenlos. Eine Stretchlimousine wird ja nicht am Stück gebaut, sondern eine normale Limousine wird in der Mitte durchgesägt und dann einfach verlängert. Auch hier alles nur Schein und wenig Sein, alles Verkleidung und Fassade.

Der Film bleibt letztendlich ein Rätsel, ähnlich wie David Lynchs Mullholland Drive oder Kafkas »Verwandlung«, wenn man so will. Das heißt aber nicht, daß Carax nicht erneut eindrückliche und bleibende, meist surreale Bilder schafft. Man merkt Holy Motors dabei auch den Frust an, der sich vielleicht in Carax über die vielen gescheiterten Projekte angestaut hat. Stellvertretend für ihn rennt sein Denis Lavant in eine auswegs- und sinnlose Situation nach der anderen und ist meist doch nur Reagierender und nicht Agierender. Am Ende ist er nur noch erschöpft. Ob Holy Motors für Carax ein Befreiungsschlag wird, bleibt abzuwarten. Leicht hat er es sich und uns dabei jedenfalls nicht gemacht. 2012-08-28 14:36
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