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To Rome With Love

I/USA 2012. R,B: Woody Allen. K: Darius Khondji. S: Alisa Lepselter. P: Medusa Film, Gravier Productions, Perdido Productions, Mediapro. D: Woody Allen, Alec Baldwin, Roberto Benigni, Penélope Cruz, Judy Davis, Jesse Eisenberg, Greta Gerwig, Ellen Page u.a.
110 Min. Tobis ab 30.8.12

Der Allen-Touch

Von Jens Mayer »...aber am meisten verehrte sie seine Unterhosen. Sie schrieb an Nietzsche, Metterlings Unterhosen seien das Erhabenste, was ihr je begegnet sei, einschließlich »Also sprach Zarathustra«.« In seiner 1969 veröffentlichten fiktiven Buchkritik »The Metterling Lists« parodiert der intellektuelle Praktiker Woody Allen einmal mehr die Überinterpretation des Banalen und prätentiös-akademische Schwafelei in bildungsbürgerlichen Kreisen. 43 Jahre später sieht sich auch Leopoldo Pisanello (Roberto Begnini) mit der Frage aller Fragen konfrontiert: Boxershorts oder Slips? Pisanello, eben noch ein Durchschnitts-Römer, Familienvater und kleiner Angestellter ohne bemerkenswerte Lebensleistung, wird über Nacht zum Medienstar, gerät grundlos in das erbarmungslose Fadenkreuz der Fernsehkameras und Reportermikrophone. »Die Verwandlung« bleibt unerklärlich, aber Pisanello beginnt schließlich selbst an seine neue Rolle zu glauben, sie zu genießen, schließlich mit ihr zu hadern, nur um sie letztlich mit aller Macht wieder herbeizusehnen. Doch da interessiert sich schon keiner mehr für den kleinen Mann auf der Straße, der aufgeregt herumhüpft und skandiert, er sei der Boxershorts-Typ.

Alleine diese kleine Episode in To Rome With Love fordert die Interpretationsansätze geradezu heraus: Gegenwartskritik an den »15 Minuten Ruhm« des Durchschnittsbürgers, der durch Castingshows und Youtube-Clips kurz und erbarmungslos von der medialen Öffentlichkeit gehypt wird, um dann ebenso unmittelbar wieder fallen gelassen zu werden? Persönliche Verarbeitung Allens eigener Geschichte, der in breiter Öffentlichkeit ausgetragenen Schlammschlacht im Zuge der Auseinandersetzung mit Mia Farrow, bei der eine Menge schmutziger (Unter-)Wäsche gewaschen wurde? Die Allensche Neuinterpretation der bekannten Kafka-Erzählung? Reflexion über den gesellschaftlichen Status von Stars überhaupt, und deren Selbstwahrnehmung? Nur wäre eine solch penible Aufschlüsselung ebenso sinn- wie wertlos wie die Frage nach der Unterwäsche, um sich das Werk des 76jährigen Filmemachers zu erschließen.

Mit To Rome With Love kommt Allen dem von ihm verehrten klassischen Hollywoodkino von Ernst Lubitsch und Billy Wilder so nahe wie noch nie. Im goldgelben Licht der ewigen Stadt inszeniert der New Yorker vier Episoden so leichtfüßig und flüchtig wie ein Sommernachtstraum: eine kurzzeitige Auflösung der alltäglichen Aggregatszustände. Liebe, Versuchung, Wunschbilder und Abenteuer – für einen Moment lang bringt dieser mythische Ort das Leben der Protagonisten durcheinander, für einen Wimpernschlag scheint der längst vorgezeichnete Lebensweg noch einmal in eine völlig neue Richtung zu gehen. Auch hier ist es nur eine Projektion, der sie sich gierig hingeben, wie das Kino selbst. Wo wir, losgelöst von Zeit und Ort, all die Ängste und Sehnsüchte ausleben, ehe am Ende das Saallicht angeht und uns der Kinosaal wieder in die banale Lebenswirklichkeit entläßt. Doch nach dieser einschneidenden Erfahrung sind wir trotzdem nicht mehr dieselben wie zuvor.

Wie Lubitschs Trouble in Paradise Venedig als Kulisse vorführt, präsentiert der Filmemacher nach Barcelona und Paris nun auch Rom als Ort der manifestierten Bilder und Mythen und spielt inmitten des sympathischen Chaos’ der Stadt ein lustvolles Spiel im Spannungsfeld von tiefgründigen Gedanken und gedankenlose Eskapaden. Natürlich huldigt Allen auch dem italienischen Kino selbst. So zollt er durch die Wahl der Episodenform nicht nur Giovanni Boccacios Novellensammlung »Il Decamerone« Tribut (auch wenn er vom ursprünglich gewählten Filmtitel »Bop Decameron« wieder Abstand nehmen mußte), sondern natürlich auch Mario Monicellis, Federico Fellinis, Luchino Viscontis und Vittorio De Sicas Gemeinschaftswerk Boccaccio 70. Hier übernimmt er eine Reihe von Motiven für das Kapitel um das frisch verheiratete Paar Antonio (Alessandro Tiberi) und Milly (Alessandra Mastronardi). Mit dem Cameo-Auftritt von Ornella Muti sorgt er für ein zusätzliches nostalgisches Glücksgefühl.

Überhaupt, das Staraufgebot: Alec Baldwin als sinnierender Erfolgsarchitekt, Penelope Cruz als frivoles Callgirl, Ellen Page als intellektuelle Verführerin von Jesse Eisenberg, und Judy Davis als Ehefrau von Allen selbst, der als neurotisch-unzufriedener Opernregisseur das römische Großfamilienglück mit den Verlockungen der Kulturindustrie auf die Probe stellt. Es ist einmal mehr ein wunderbarer Cast, der im Kosmos des Filmemachers völlig unbeschwert aufgehen kann. Denn bei aller Lubitsch-Eleganz ist To Rome With Love natürlich trotzdem ein typischer Allen-Streich. Und der läßt es sich nicht nehmen, Binsenweisheiten bis zum absurd-komischen Höhepunkt durchzuspielen, wie den grandiosen Duschauftritt des singenden Leichenbestatters Giancarlo (Fabio Armiliato) vor einem verzückten Opernpublikum. Das ist ihnen als intellektueller Cineast zu albern? Wunderbar! Woody Allen ist und bleibt eben ein Kind von Groucho Marx und Coca-Cola... 2012-08-27 14:36
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