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Doppelleben

D 2011. R,B: Douglas Wolfsperger. K: René Dame, Frank Marten Pfeiffer. S: Bernd Euscher. M: Mathias Dietrich, Wolfgang Klemm. P: Douglas Wolfsperger Filmproduktion.
90 Min. Camino ab 30.8.12

Doppelt gemoppelt

Von Marco Siedelmann Eine vom Leben etwas gelangweilte, von Schicksalsschlägen gebeutelte Hausfrau und Mutter. Ein zu Karrierebewußtsein gekommenes Heimchen am Herd. Ihr Lebenshintergrund ist ein ähnlicher, ihr höchst ungewöhnlicher (Neben-)Job haargenau der gleiche. Wenn Angela Merkel mal mehrere Termine parallel erledigen muß, treten sie als Double auf. Die Reviere sind eng abgesteckt. Man kennt sich vom Hörensagen, hält aber nicht allzu viel voneinander. Aus dieser etwas kauzigen Prämisse kitzelt Doppelleben sehr authentische und intime Momente aus den beiden Protagonistinnen und ihren Familienmitgliedern hervor. Douglas Wolfsperger ist vermutlich nicht der einfachste Regisseur – jedenfalls passen seine oft sehr persönlichen Arbeiten nicht in das schnöde Schema konventioneller Dokumentationen. Sein eigenwilliges Portrait Die Blutsritter untersuchte Katholizismus und Mystizismus anhand einer archaischen Reiterprozession, zuletzt polarisierte er noch mit dem autodiegetischen Der entsorgte Vater, in dem er seine eigene Familiengeschichte radikal subjektiv aufarbeitete und bewußt auf die Komplexität verschiedener Ansichten verzichtet hatte. Genau das kann man von seinem aktuellen Film kaum behaupten. Im Gegenteil, läßt er doch immer wieder Raum für garstige Sticheleien und offen ausgetragene Animositäten. Die anfänglich etwas seichte Talking-Head-Doku gewinnt ihre Schärfe aus dieser Offenheit, mit der sich ehemalige Manager, erfolgreiche Agenten, Konkurrentinnen und Geschäftspartner übereinander auslassen, und dabei gelingt es dem Film, jedem Blickwinkel das nötige Gewicht zu verleihen. Manches Mal geht Wolfpergers Stilwillen zu weit, wenn er zwischen den konventionellen Monologen in die Kamera immer wieder nachdenkliche Momente des Innehaltens sucht, diese dann allerdings zu deutlich ästhetisiert und herausstellt. Vielleicht gibt es kein richtiges Leben im Falschen. Die Suche danach verlockt trotzdem. Doppelleben erzählt im Endeffekt nüchtern, ungeachtet aller heiteren Zwischentöne, von Identität, Lebensplanung, Persönlichkeitszerfaserung und ist ein nicht selten garstiger Kommentar zu den berühmten fünfzehn Minuten Ruhm. 2012-08-27 10:36

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #67.
© 2012, Schnitt Online

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