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The Expendables 2

USA 2012. R: Simon West. B: Richard Wenk, Sylvester Stallone. K: Shelly Johnson. S: Todd E. Miller. M: Brian Tyler. P: Millennium Films, Nu Image Films. D: Sylvester Stallone, Jason Statham, Jet Li, Dolph Lundgren, Terry Crews, Randy Couture, Jean-Claude Van Damme, Arnold Schwarzenegger, Bruce Willis, Chuck Norris, Liams Hemsworth, Scott Adkins u.a.
102 Min. Splendid ab 30.8.12

Gefallene Engel

Von Nils Bothmann Die Viten der Darsteller von The Expendables 2 erzählen ereignisreiche, skandalumwitterte Lebensgeschichten: Steroidmißbrauch, Affären, Schönheitsoperationen, Drogenskandale, Unmengen verschlissener Ex-Frauen. In die Körper der Entbehrlichen haben sich ihre Schicksale eingeschrieben, seien es die Spätfolgen von Sylvester Stallones Lifting oder die Blumenkohlohren, die Randy Couture vom UFC davontrug. Sie könnten Lieblinge der Regenbogenpresse sein, doch ihre Sterne sind in den letzten Jahren gesunken. Der kommerziell erfolgreichste The Expendables-Star, Bruce Willis, ist noch mit der Bravste, die Skandale anderer ziehen weniger als die Seitensprünge von Twilight-Darstellern. Die zurückgegangene Popularität der Helden des klassischen Actionfilms, eines heutzutage selten bedienten Genres, ist ein weiterer Mosaikstein im Bild der gefallenen Engel, der gestrauchelten Helden, deren Erfolgserlebnisse relativ blieben: Seien es Jean-Claude Van Dammes mittlerweile erarbeitete Schauspielfähigkeiten oder Dolph Lundgrens Talent als Regisseur – ihre Werke werden trotzdem für den Videomarkt produziert. Oder das kurioseste aller Comebacks: Chuck Norris, ein ehemaliger Actionstar, der seine Fangemeinde mit jugendfreien Spätfilmen, einer jugendfreien Fernsehserie und jugendfreier Werbung für Fitneßgeräte zu verlieren drohte, ehe die ironischen Chuck Norris Facts dem fast vergessenen Helden zahlreicher Cannon-Filme einen unerwarteten zweiten Frühling bescherten.

Diese Lebensgeschichten geben einem Film wie The Expendables 2 einen etwas dunkleren Touch, den der Film im Gegensatz zum Vorgänger ausarbeitet: Schon früh im Film stirbt ein Mitglied der Entbehrlichen, die Rache für den gefallenen Kameraden wird zur Hauptmotivation der Söldner, die eine Horde von Terroristen jagen, welche mehrere Tonnen waffenfähigen Plutoniums auf dem Schwarzmarkt verscherbeln wollen. Der Tod, der Wert des Lebens, das eigene Altern – diese Themen werden in verschiedenen Szenen aufgearbeitet, die Leiden der Zivilbevölkerung durch die Hand der menschenverachtenden Schurken werden deutlicher und explizierter visualisiert als im Vorgänger. Allerdings will das Sequel nicht nur düsterer, sondern gleichzeitig auch noch selbstironischer als The Expendables sein: Der Fiesling heißt Jean Vilain, in etwas forcierten Dialogen werden frühere Rollen von Stallone, Schwarzenegger und Willis (z.B. in Rambo, Der Terminator und Stirb langsam) referiert und der erste Auftritt von Chuck Norris ist selbst für einen Film dieser Bauart übertrieben auf cool getrimmt. Dagegen ist es durchaus amüsant, wenn seine Filmfigur Booker beim Gespräch über den eigenen Mythos eine Art Chuck Norris Fact zitiert.

Obwohl The Expendables 2 ein wenig unter der Unvereinbarkeit seiner zwei neuen Impulse leidet, so hat auch die Fortsetzung amüsante und clevere Meta-Kommentare zum Genre zu bieten. Dolph Lundgrens Figurenvita wird mit seiner Biographie synchronisiert, wenn der Zuschauer erfährt, daß Gunnar Jensen einst studierter Chemieingenieur und Fulbright-Stipendiat war – so wie Lundgren vor seiner Filmkarriere. In einer anderen Szene campen die Söldner auf einem ehemaligen Übungsplatz der Roten Armee, der New York nachempfunden ist: Hier haben die Sowjets Krieg gegen Amerika gespielt, während viele der Darsteller in ihren Filmen Krieg gegen die Sowjetunion gespielt haben. Auch das Casting erweitert den Fokus des Darstellerensembles vereint: Neben den Ikonen Jean-Claude Van Damme und Chuck Norris wird die Riege der Helden und Fieslinge ergänzt um Scott Adkins, der trotz Nebenrollen in Filmen wie Unleashed, Das Bourne Ultimatum und X-Men Origins: Wolverine bisher ein Star des »Direct-to-video«-Marktes ist, und Liam Hemsworth, einen potentiellen Actionstar der ganz jungen Schule, der mit dem auf Teenager ausgerichteten Actionabenteuer The Hunger Games populär wurde. Mit der Chinesin Nan Yu (Tuyas Hochzeit, Speed Racer) verstärkt erstmals eine Frau die Reihen der Expendables, auch wenn Yu nicht auf Genreerfahrung zurückblicken kann – vielleicht hatten Stars wie Maggie Q und Michelle Yeoh gerade keine Zeit.

Sylvester Stallone übernimmt erneut die Rolle des Teamleaders Barney Ross und schrieb schon wie bei The Expendables am Drehbuch mit, Regie führt beim zweiten Teil allerdings Simon West (Con Air, The Mechanic). Inszenatorisch erinnert The Expendables 2 an den Vorgänger, trotz einiger Abweichungen im Detail: Die gelegentlichen CGI-Tricks sind besser als in The Expendables, können aber Werken wie Marvel’s The Avengers nicht das Wasser reichen, die teilweise kritisierte, insgesamt aber erfreulich dynamische Kameraführung und Montage des Erstlings werden hier durch eine bodenständigere, klassischere Inszenierung ersetzt. In seinen Actionszenen liefert The Expendables 2 dann auch das, was sich das Zielpublikum erhofft: Brachiale Schießereien, in denen Unmengen von Fieslingen ihr Leben aushauchen, energetische Zweikämpfe, leinwandfüllende Explosionen, Verfolgungsjagden und Stunts. Die Auftaktsequenz ist allerdings bereits das Highlight des Films, The Expendables hingegen war clever genug sich zu steigern, obwohl das Finale der Fortsetzung mit einer ausladenden Flughafenschießerei und den Zweikämpfen Jason Statham vs. Scott Adkins (leider etwas kurz) und Sylvester Stallone vs. Jean-Claude Van Damme ebenfalls glücklich stimmt – wenn sich der ruppige Schläger Barney Ross und der agile Martial Artist Jean Vilain im Showdown des Films bekriegen, werden Fanträume war.

Das erneute große Klassentreffen der Actionstars beherzigt das Rezept des Vorgängers, hat aber als Sequel nicht das Klassikerpotential des Erstlings – der Castingcoup ist nun nichts Neues mehr. Mit seinen furiosen Actionszenen, seinem wissenden Meta-Humor und der spürbar guten Laune aller Beteiligten ist The Expendables 2 ein Genrehighlight, aufgrund seiner gleichzeitig düstereren und ironischeren Neuorientierung nicht ganz so stilsicher wie der Vorgänger, für Freunde des harten Männerkinos aber immer noch ein El Dorado. 2012-08-26 12:05
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