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We Need to Talk About Kevin

GB 2011. R,B: Lynne Ramsay. B: Rory Kinnear. K: Seamus McGarvey. S: Joe Bini. M: Jonny Greenwood. P: Independent. D: Tilda Swinton, John C. Reilly, Ezra Miller, Siobhan Fallon, Ashley Gerasimovich, Leslie Lyles, Lauren Fox, Aaron Blakely u.a.
112 Min. Fugu ab 16.8.12

Taumel in Rot

Von Jochen Werner Rot. Rot. Rot. »Welcome to the danger zone«. Die ersten zwei Minuten von We Need to Talk About Kevin, der nach neunjähriger Pause dritten Regiearbeit der Schottin Lynne Ramsay, bestehen – das wird schnell klar – aus Erinnerungsbildern: dem Traum von einem besseren Leben, das Eva (Tilda Swinton) einmal geführt zu haben meint. Das macht sie, die Bilder, letztlich nur noch abgründiger, denn das Rot, das diesen Bastard von einem Film bestimmt, ist von der ersten Sekunde an präsent, es reißt die Bilder auf, durchtränkt sie, bringt sie selbst zum Bluten. Dabei gibt es hier noch kein Blut. Nur: Tomaten. »Tomatina« nennt sich das alljährliche Fest, in dem die valencianische Stadt Buñol einen Augusttag lang im Saft zermatschter Tomaten untergeht. Zuerst ist es also nur Tomatenmatsch, der Eva in dieses Rot taucht – nein, besser: sie hineinreißt in den delirierenden Taumel, in den dieses brachiale Rot die Leinwand stürzt. Dann wacht Eva auf – We Need to Talk About Kevin ist ein achronologischer Film, der mehr der Logik des Traumas, des immer und immer wieder Durchspielens verpflichtet ist als der linearen Abfolge, ein Film, der souverän zwischen unterschiedlichen Zeitebenen und Eskalationsstufen navigiert –, es ist noch immer: Rot. Rotes Licht fällt auf Evas Gesicht: Eine Farbbeutelattacke entstellt die Fassade des ärmlichen Hauses, in dem sie offenkundig allein lebt.

Bald aber ist es wieder früher: zwei Kinder, ein liebevoller Ehemann und Vater (John C. Reilly), ein geräumiges, luxuriöses Haus. Man versteht schnell, daß etwas auf katastrophische Art und Weise schief gegangen sein muß in Evas Leben. Wie es dazu gekommen sein kann, das maßt sich Regisseurin Lynne Ramsay nicht an zu erklären: Auf Spurensuche muß man sich in We Need to Talk About Kevin schon selbst begeben. Die zentrale Eskalation der Filmerzählung wird dabei zwar immer wieder angedeutet, ganz ausformuliert wird sie erst spät: Evas Sohn Kevin ist ein Schulamokläufer, der in einer sorgfältig geplanten Aktion zahlreiche Mitschüler und Lehrer kaltblütig ermordet. Ein Eric Harris, ein Dylan Klebold, oder auch, nicht so weit von uns entfernt, ein Robert Steinhäuser oder ein Tim Kretschmer. Alle Erzählstränge sind dabei klar auf diesen Punkt hin arrangiert; einerseits interessiert sich Ramsay für das Leben nach der Katastrophe, das nur noch als posttraumatisches Weiterdasein denkbar ist. Andererseits verfolgt sie die Spuren der Bluttat weit in die Kindheit des gewordenen Massenmörders hinein – und scheint dort, oberflächlich betrachtet, eine geradlinige Entwicklung vorzufinden. Kevin, so scheint Ramsay nahezulegen, war schon immer vor allem eines: abgrundtief böse. Fast meint man einem Doppelgänger von Damien, dem Dämonenkind aus Richard Donners Horrorfilmklassiker The Omen, bei der allmählichen Entfaltung seines scheinbar grenzenlosen destruktiven Potenzials zuzuschauen.

So einfach aber macht es uns dieser Film auch wieder nicht: Man darf sich durch die expressive Inszenierung von We Need to Talk About Kevin nicht aufs Glatteis führen lassen und diese trügerische Linerarität als gültig akzeptieren – dagegen spricht die strenge Perspektivierung, die nicht nur das Trauma und dessen psychische Kompensationsmuster immer schon mitdenken läßt, sondern auch niemals den Blick der an der Enge ihres bürgerlich-konservativen Familienidylls zerbrechenden Mutter losläßt. Somit ist eigentlich in keinem Augenblick wirklich klar, wie verläßlich diese sichtlich verstörte Eva als Erzählerin ist – während sie aber, auf der anderen Seite, durch den Plot auch niemals als eigentlich Schuldige, wie die sie anfeindenden und angreifenden Angehörigen der Opfer sie vielleicht zwingend betrachten müssen, denunziert wird. So entsteht ein dichtes, provokatives moralisches Geflecht um eine Tat herum, für die es keine Erklärung und keine Rechtfertigung geben kann. Bereits Lynne Ramsays grandioser zweiter Film Morvern Callar weigerte sich in seiner entschiedenen Gegenwärtigkeit nachdrücklich, die manchmal schockierenden Taten seiner Figuren durch simple Erklärungsmuster zu zähmen; eher scheint es dieser faszinierenden Filmemacherin um die Herausforderung an das Publikum zu gehen, sich selbst zum mit den Protagonisten gemeinsam Durchstandenen verhalten zu müssen. 2012-08-13 08:30

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