— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

This Ain’t California

D 2012. R,B: Marten Persiel. B: Ira Wedel. K: Felix Leiberg. S: Maxine Gödecke, Toni Froschhammer, Bobby Good. M: Lars Damm. P: Wildfremd Produktions.
99 Min. Farbfilm ab 16.8.12

Die Kunst des Rollfilms

Von Daniel Bickermann Von Dokus wie Dogtown und Z-Boys über halb- und vollfiktionale Szeneportraits wie Lords of Dogtown oder Paranoid Park bis hin zu inzwischen etablierten Skater-Regisseuren wie Spike Jonze oder der Jackass- Truppe: Man sollte meinen, über das Skateboard sei filmisch alles erzählt.

Und doch hat man offenbar längst noch nicht alles gesehen. Zum Beispiel zwei Jungs in der Nähe von Magdeburg, die in den frühen Achtzigern ihre selbstgebauten Boards mit Fahrradschläuchen an ihren Füßen halten, damit sie bei den ersten ungelenken Sprüngen nicht wegfliegen. Oder einen braungebrannten Vokuhila mit Pornoschnurrbart, der Mitte der Achtziger im Handstand auf seinem Brett hunderte von Metern weit über den Berliner Alexanderplatz rollt und seine mit Hotpants kaum bekleideten Beine spreizt und schließt, während unschuldige Dresdner Mädchen ihn begeistert angaffen – das ist schon neu. Oder die DDR-Propaganda, die das Skateboarden erst als aggressive Marketingstrategie der Westsportwirtschaft geißelt und später als »Rollbrettfahren« institutionalisieren und zum nationalen Leistungssport umdeuten wollte – und die ehemaligen Sorgenkinder von der Straße weg als »Übungsleiter « einzuspannen versuchte.

Eine gelungene Doku über die Skater-Szene in der DDR wäre an sich schon eine bemerkenswerte Bereicherung der Filmlandschaft, und This Ain’t California weiß die Enge des Systems und den jugendlichen Übermut beim Ausbruch atmosphärisch ausgezeichnet darzustellen und hat zudem eines der beklemmendsten Stasi- Interviews der jüngeren Vergangenheit vorzuweisen. Aber der Film ist mehr, viel mehr als das.

Er ist das sehr persönliche Portrait einer Freundesgruppe, deren frühere Gallionsfigur »Panik«-Dennis so schillernd, so komplex, so beängstigend, so vielsagend und doch so geheimnisvoll bleibt, daß er für mehr zu stehen scheint als nur die desillusionierte Rebellion der Jugend in der späten DDR. Der Erwartungsdruck der Eltern, der in eine vollständige Abwesenheit umschlägt; die eigene Orientierungslosigkeit bei FKK-Kultur und Fernweh; die Schizophrenie zwischen ausgelassenen Food Fights mit westlichen Skatern in Prag und einer inoffiziellen »Deutschen Meisterschaft « zwischen dutzenden Stasi-Beobachtern – das alles geht den sensiblen Figuren spürbar an die Substanz und wirkt dank der brillanten Emotionsführung von Regisseur Marten Persiel so universell, daß man sich nicht entziehen kann. Sicher, er hatte das Glück eines unglaublich reichen Schatzes an Originalaufnahmen der Protagonisten, die auch cineastisch dem Experiment nicht abgeneigt waren – aber erst die Art, wie die Editoren-Troika aus Toni Froschhammer, Maxine Gödicke und Bobby Good dieses Material montieren, verlangsamen oder verschneiden, sorgt für die wirklich emotionalen Effekte. Die Eröffnungsmontage gehört sicherlich zu den bestgeschnittenen fünf Minuten der jüngeren deutschen Kinojahre; auf »talking heads« wird fast vollständig verzichtet zugunsten von atmenden, atmosphärischen Bildern der Freiheit auf dem Board; und als die Skater-Szene schließlich zunehmend außer Kontrolle gerät, steigert sich der Schnitt zur »Fetten Elke« von den Ärzten in einen ungesunden Overdrive aus Stürzen, Partys und Reißschwenks. Besser kann man mit vorliegendem Filmmaterial nicht umgehen.

Auch der unablässig antreibende Soundtrack, eine Mischung aus atmosphärischem Lo-Fi und Skater-Punk, gehört zum besten, was einem seit langem von der Leinwand entgegenkam. Am wichtigsten aber ist, daß Persiel sich weigert, seine Figuren eindimensional deuten zu lassen. Das Treffen der alten Gruppe nach zwanzig Jahren, anläßlich der Beerdigung ihres früheren Freundes, hätte ein schrecklich gestelztes Stück Dokumentarfilm werden können – aber weder Kamera noch Erzählung drängen die gealterten Rebellen in ein Klischee, selbst bei der Erzählung der Vergangenheit dürfen sie Widersprüche und Geheimnisse behalten, und so gelingen auch diese Momente vielschichtig, atmosphärisch und nachdenkenswert. Man wird entspannt eingeladen, in einen fremden, dramatischen, absurden Kosmos einzutauchen – und wenn das Licht im Kino angeht, fühlt man sich klüger, gereifter und lebendiger als vorher. This Ain’t California ist ein seltener Glücksgriff: zart und rebellisch, politisch und historisch, unterhaltsam und ergreifend – mehr kann Dokumentarfilm nicht sein. 2012-08-11 17:54

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap