— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Das Schwein von Gaza

Le cochon de Gaza. F/D/B 2011. R,B: Sylvain Estibal. K: Romain Winding. S: Damien Keyeux. M: Aqualactica, Boogie Balagan. P: Marilyn Productions, Studio Canal u.a. D: Sasson Gabai, Baya Belal, Myriam Tekaïa, Gassan Abbas, Tiziana Azzopardi, Manuel Cauchi u.a.
99 Min. Alamode ab 2.8.12

Schwein gehabt

Von Sven Lohmann Es gibt im Märchenzyklus »1001 Nacht« schon den Topos des armen Fischers, der in seinem Netz statt eßbarer Meereslebewesen nur Gerümpel fängt. In der Komödie Das Schwein von Gaza steht genau dieser Typus im Mittelpunkt und muß es, statt nur mit einem Flaschengeist, gleich mit dem halben Nahostkonflikt aufnehmen. Der vom Schicksal gebeutelte Kerl heißt hier Jaafar, lebt mehr schlecht als recht mit seiner Frau und einem israelischen Wachposten auf dem Dach in Gaza, und was er da zu Beginn der Geschichte aus dem Meer an Bord zieht, das ist nicht mehr und nicht weniger als ein ausgewachsenes Hängebauchschwein – bei ihm zu Hause kein Glücksbringer, sondern eine Schande sondergleichen.

Der französische Autor und Wüstenkenner Sylvain Estibal inszeniert mit Das Schwein von Gaza seinen ersten Film, und will den Alltag im Gaza-Streifen portraitieren, indem er die verstrickte Lage dort vollkommen ad absurdum führt. Aus der blanken Not heraus versucht nun der verschuldete Jaafar, das Schwein zu Geld zu machen – heimlich versteht sich, um sich nicht dem Spott seiner frommen Mitmenschen auszusetzen. Auch Ulrich Tukur hat dabei einen kurzen Auftritt: Als deutscher UN-Beamter flippt er in seiner Bürobaracke völlig aus. Der entwürdigende Eiertanz, den der arme Jaafar vollführen muß, um an etwas Geld zu gelangen und gleichzeitig sein Gesicht zu wahren, dieser Aberwitz wird zu einer Parabel auf die Abstrusität des Nahostkonflikts selbst. Pate steht für Estibal hier im Grunde die Idee, daß Araber und Israelis sich zumindest schon mal darin einig sind, daß Schweine gar nicht gehen. Und daß im nächsten dialektischen Schritt dann, wie bei Schweinchen Babe, das lösende Charisma des Schweins letztendlich über die politischen Konflikte siegt, über die verhärteten Grenzen und Gemüter.

Das Schwein von Gaza, das muß man allerdings dazu sagen, ist kein arabischer Film, und auch kein israelischer, sondern er versucht nur, ungefähr diesen Ton zu treffen. Er ist eine französischbelgisch- deutsche Produktion, gedreht auf Malta und in Köln – ein netter Arthouse-Film über Gaza zur Zeit des Scharon-Plans, von Europäern für Europäer, die den Nahostkonflikt sowieso gar nicht so richtig glauben können. So kommt der ganze Film denn auch daher: Wenn nicht gerade das Verhältnis von Judentum und Islam zum Schwein ausgestellt wird, dann grundsätzlich harmlos und hygienisch – zwar ungeleckt und mit Bewußtsein für den Ernst der Lage, aber ganz ohne Bosheit oder gar Tote. Und so ist das vielleicht erheblichste Problem dieser Komödie tatsächlich ihr Verhältnis zum Humor: Vor lauter Willen zum leichtverdaulichen Absurden gleitet sie, gerade auch kraft der überzogenen Figurendarstellungen, regelhaft ins deutlich Alberne ab. Gerade gegen Schluß, wenn die Handlung Fahrt aufnehmen soll, nimmt sich Estibal vor lauter aufgestapelter Absonderlichkeit leider nicht mehr Zeit genug für die Szenen. So ist Das Schwein von Gaza dann am besten, wenn er einfach kleine Alltagsepisödchen erzählt. 2012-08-02 12:57

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap