Die Ernüchterung
Von Daniel Bickermann
Die Zeit vergeht, und sie ändert die Menschen. Etwa 1960 schrieb Hunter S. Thompson seinen zweiten Roman »The Rum Diary«, der erst 1998 erschien und lose auf seiner Erfahrung als bedrogter Journalist in Puerto Rico basiert. 1987 legte ein bis dato kaum bekannter britischer Autor namens Bruce Robinson sein Regiedebüt
Withnail and I vor, das bis zum heutigen Tage in mehreren Ländern Kultstatus genießt und mit seinen liebenswerten Säuferprotagonisten Grundlage mehrerer cineastischer Trinkspiele wurde. Und 1998 spielte Johnny Depp in
Fear and Loathing in Las Vegas schon einmal ein journalistisches Alter Ego seines guten Freundes Hunter S. Thompson.
2010 kamen sie für
The Rum Diary nochmal alle zusammen: Der inzwischen verstorbene Thompson lieferte die Vorlage, Robinson führte Regie und Depp produzierte und übernahm die Hauptrolle. Und, liebe Güte!, es war viel Zeit vergangen, und die Menschen haben sich sehr verändert. Wer den beißenden Kulturzynismus von
Fear and Loathing in Las Vegas erwartet, der wird von einem früheren, milderen Thompson erwischt, der gerade erst von der Welt und ihren Einwohnern enttäuscht wird; und wer sich auf eine Neuauflage des dauerbedrogten Depps freut, wird von einem nachdenklichen jungen Mann überrascht, der eher an sozialer Verbesserung dieses vergessenen Teils der USA als an hedonistischer Hysterie interessiert ist. Das Geschehen auf der Leinwand gleicht eher den
Motorcycle Diaries als dem erwarteten Chaos der Karibik.
Vor allem aber verwundert von Beginn an eine inszenatorische Zurückhaltung, die scheinbar in direktem Kontrast zu Figuren und Dialogen steht: Wenn Toupets fliegen oder ein schwedischer Säufer minutenlang über seine blutigen Mordfantasien monologisiert; wenn eine Sexszene von einer überlauten Hitler-Rede jäh unterbrochen wird oder man über einen Kollegen spricht, der auf einer Hafentoilette von Matrosen zu Tode vergewaltigt wurde; wenn eine diamantbesetzte Schildkröte über den Teppich krabbelt oder an einem karibischen Traumstrand zum Lärm einer Bombenübung ein Architekturmodell enthüllt wird; dann hätte Gilliam daraus einen gräßlich-komischen Weitwinkel-Alptraum gemacht, Geifer und Traumsequenzen und Zeitlupe inklusive. Der Bruce Robinson des Jahres 1979, der in
Withnail and I selbst das Trinken von Feuerzeugbenzin mit anschließendem Erbrechen zu einer Geste grotesker Grandiosität erhoben hatte, hätte daraus eine tragikomische Farce gemacht.
The Rum Diary dagegen betrachtet diese Szenen kühl und kommentiert in keinster Weise – genau wie sein Protagonist, der zudem den halben Film über nüchtern bleibt. Der Film pflegt einen großäugigen, ungläubigen, beinahe kindlichen Blick auf die Welt. Das wirkt auf der einen Seite angenehm unaufgeregt und bevormundet den Zuschauer nie. Auf der anderen Seite kann man dem Film durchaus eine enervierend geringe Energie und behäbige Geschwindigkeit vorwerfen sowie eine letztlich unbefriedigend gleichgültige Haltung.
Dieser Wandel von den vergangenen Vergleichsfilmen hat sich auf allen Ebenen vollzogen. Während Las Vegas in
Fear and Loathing in Las Vegas aussah wie Disneyland auf LSD und die britische Pub- und Provinzexistenz in
Withnail and I einem Leben im Aschenbecher glich, verliert sich
The Rum Diary in den Farben, der Natur, den schönen Frauen und selbst der pittoresken Armut der Insel. Wo
Fear and Loathing in Las Vegas eine Achterbahnfahrt der Absurditäten war und
Withnail and I eine atemlose Aneinanderreihung charmanter Grauenhaftigkeiten, da gleitet
The Rum Diary gemächlich von einer Station des Sozialkrimi-Plots zur nächsten. Die Komik ist ruhiger, hinter- und manchmal auch tiefgründiger, der Soundtrack besteht aus gediegenem Saxophon-Jazz, und selbst die obligatorische Drogenszene ist eine fast melancholische Erkundung des Rauschs in Zeitlupe.
Die zugrundeliegenden Thompson- Aufzeichnungen sind nun über 50 Jahre alt, es ist Bruce Robinsons erster Film seit 19 Jahren und Depps erste Berührung mit dem Thompson-Kosmos seit 14 Jahren. Die Zeiten haben sich verändert, und die Menschen auch. Der Trailer mag eine besoffene Chaos-Komödie versprechen, stattdessen ist
The Rum Diary ein Stück nüchternes, erwachsenes Filmemachen geworden. Wie man das findet, mag davon abhängen, wie und ob man selbst gealtert ist.
2012-08-02 12:41