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Miss Kicki

S/RC 2009. R: Håkon Liu. B: Alex Haridi. K: Ari Willey. S: Fredrik Morheden. M: Fredrik Viklund. P: Migma Film AB. D: Pernilla August, Ludwig Palmell, Huang He River, Britta Andersson, Eric Tsang, Ken Lin, Tsai Chen-nan, Gwen Yao u.a.
88 Min. Barnsteiner ab 26.7.12

Familienausflug

Von Christian Lailach Wenn du schwul und Coming of Age in einen Topf – oder besser: in einen Film – packst, dann kommst du meist nur schwer klischeebeladen davon. Manchmal, eher selten, siehst du jedoch einen Film, der letztlich die sexuelle Orientierungslosigkeit durchaus sehr behutsam und gar nicht einmal so weit in den Vordergrund rückt. Der diese genauso selbstverständlich behandelt, wie auch jedes anderes Thema und damit das Verwirrtsein zwar thematisiert, aber keineswegs zum unüberwindbaren Problem stilisiert. Und dann, dann hast du es erst recht schwer, gegen all die Klischees anzukämpfen, die über dich herfallen.

Miss Kicki ist ein Film, der durchaus viel thematisiert; Gesellschaftliches wie Persönliches. Kicki fährt mit ihrem Sohn Viktor nach Taipeh. Ein gemeinsamer Urlaub, der die beiden nach langer Trennung wieder einander näher bringen soll. Doch Kicki mag im fernen Asien eigentlich einen Mann treffen, der davon genauso wenig weiß wie ihr Sohn. So entstehen aus einer gemeinsamen Geschichte zwei Erzählungen, die mit der Zeit zueinander finden sollen und von Liu ausgesprochen gefühlvoll inszeniert werden. August gelingt dabei eine äußerst bezeichnende und eindrucksvolle Figurenzeichnung, egal in welchem Gemütszustand sie sich gerade befindet. Daß die seit jeher Rastlose Kicki meint, im digitalen Dickicht ihren Traumprinzen gefunden und bei diesem über tausende Kilometer entfernt Gefühle geweckt zu haben, ist in einer Welt, die sich immer weiter und intensiver digitalisiert, durchaus ernst gemeint. Viktor hingegen streift derweil durch die Gassen Taipehs, verliert sich und seine Gefühle in ihnen und spiegelt damit ein wenig ebendiese Rastlosigkeit seiner Mutter wieder. Stets unprätentiös, doch gleichzeitig sehr nah an den Gefühlswelten zweier Generationen, schafft Liu einen Spagat, der idealerweise Menschen verschiedenen Alters miteinander verbindet.

Sowohl in der Geschichte als auch auf Seite der Rezipienten stellen sich Unruhe wie Gelassenheit ein – Widersprüchlichkeiten, mit denen Miss Kicki durchaus umzugehen weiß. Denn letztlich werden diese von dem weiteren Protagonisten aufgefangen: einem unbändigen und sich immer in Bewegung befindlichen Taipeh. 2012-07-23 08:30

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #67.
© 2012, Schnitt Online

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