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Das verflixte 3. Jahr

L’amour dure trois ans. F 2011. R,B: Frédéric Beigbeder. B: Christophe Turpin, Gilles Verdiani. K: Yves Capé. S: Stan Collet. M: Martin Rappeneau. P: Scope Pictures, AKN Productions, Europa Corp, France 2 Cinéma u.a. D: Gaspard Proust, Louise Bourgoin, Joey Starr, Jonathan Lambert, Frédérique Bel, Nicolas Bedos, Elisa Sednaoui, Bernard Menez u.a.
100 Min. Prokino ab 19.7.12

Lieben und Schreiben

Von Tobias Radlinger Prekär ist, von Liebe im Film zu sprechen, ohne je zu zeigen, was Liebe auch nur im Entferntesten sein kann. Film ist ein optisches Medium und setzt Sichtbarmachung voraus. Auf der Leinwand bedarf daher nichts so sehr der Veranschaulichung wie etwas, das von Natur aus ohne Sprache und Verbildlichung auskommt, allenfalls andeutungsweise, nur mehr zeichenhaft existiert: das bloß Gefühlte, Unsagbare. Es ist das wohl schwerste Unterfangen des Kinos (und vielleicht ist es das immer gewesen), etwas so vollkommen Form- und Gegenstandsloses wie ein Gefühl zu visualisieren, sodaß es jeder nachempfinden kann. Wer einen Film über Liebe dreht, der muß sie filmisch auszudrücken verstehen, sie gleichsam vorbildlos erschaffen, denn jeder Film über die Liebe erfordert gewissermaßen ihre Neuschöpfung, wie im Grunde ja jede Liebesgeschichte für sich genommen eine neue und singuläre Erfahrung darstellt, die sich nicht an Vergangenem mißt. Eine Selbstverständlichkeit, aber was wie ein Grundgesetz für Regisseure des romantischen Komödienfachs anmutet, beherzigen tatsächlich nur wenige Filmemacher. Wie es scheint auch nicht der Schriftsteller Frédéric Beigbeder, der mit Das verflixte 3. Jahr, der Verfilmung seines eigenen autobiographisch gefärbten Romans »Die Liebe währt drei Jahre« nun sein Regiedebüt vorgelegt hat.

Die unhaltbare These des Films, daß die Liebe nur drei Jahre währt, ist zugleich Titel einer Schmähschrift über die Institution Ehe (Cary Grant alias Mortimer Brewster in Arsen und Spitzenhäubchen läßt grüßen), deren Urheber, Beigbeders Alter Ego Marc Marronnier, über Nacht zum gefeierten Autor avanciert. Als er sich jedoch in die schöne Alice verliebt, wird er gezwungen, seine Ansichten zu revidieren. Der Einwand des Lebens entzieht ihn dem Leben, denn Alice weiß nicht, daß es sich bei Marc, der unter Pseudonym veröffentlicht hat, in Wahrheit um jenen Pamphletschreiber handelt, von dessen wichtigtuerischen Herzensergießungen sie so gar nichts hält.

Ihre Liebe ist stärker, doch was die beiden Hauptfiguren letztlich füreinander empfiehlt, das wird auch bei genauem Hinsehen nicht klar; zu schwach entwickelt ist der Grundkonflikt, zu flach gezeichnet sind die Charaktere, denen man zu keiner Zeit des Films ihre Entscheidungen abnimmt. Beigbeder kann uns die Gefühle, die seine geschwätzigen Hauptdarsteller füreinander empfinden, nie glaubhaft vermitteln, und der Film, der seine Grundthese den Genre- Konventionen der Rom-Com entsprechend zu widerlegen versucht, driftet unaufhaltsam ins Schmalzige ab, garniert mit ein paar stümperhaft eingestreuten Michel- Legrand-Songs und viel, viel Herzschmerz, der durch Ironisierung und bisweilen sarkastische Übertreibungen zumindest noch halbwegs erträglich wird.

Als geradezu prophetisch erweist sich in diesem Zusammenhang Marcs Tischrede bei der Hochzeit eines Freundes, die das Spektakel rund um Treueeid und Liebe lebenslänglich als grellbunte Reklame brandmarkt, weil sie letztlich etwas bewerbe, das auf Plakaten immer viel schmackhafter aussehe, als es in Wirklichkeit sei. Genau diesen Vorwurf aber handelt sich Das verflixte 3. Jahr schlechterdings selbst ein: daß der Film diese Liebe nicht zeigt, die er kraft seiner Genrezugehörigkeit und freilich auch auf komödiantische Weise zu legitimieren versucht.

Wie Marcs Liebe seinen Roman widerlegt und das Leben über die Kunst triumphieren läßt, so müßte das solchermaßen ermöglichte und früh absehbare Happy End von einem schlechten, erstaunlich unlustigen Film eigentlich als Unfug abgetan werden, weil er eben diese Liebe nicht plausibel macht – und alles bricht ein, der Film implodiert gleichsam wie unter zu hohem Außendruck der Wirklichkeit und einiger klassischer Romanzen, die all das schon virtuoser erzählt haben, ohne ständig den zwar ansehnlichen, doch immer häufiger nur einfallslos durchdeklinierten filmromantischen Fundus bedienen zu müssen. Daß auch Beigbeder den ausgelutschten Genre- Ingredienzien der Liebeskomödie bis zuletzt treudoof ergeben bleibt und einem die bewährte Kuschel-Rock-Ästhetik postkartenbunter Kitschbilder von Palmenstrand und Sonnenuntergang als erklärtermaßen unentbehrliches Gefühls-Setting verkaufen will, in dem es sich erst so richtig leben und lieben läßt, spricht nicht unbedingt für seinen Film. 2012-07-17 14:12

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