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Man for a Day

D/GB 2012. R,B,K: Katarina Peters. K: Susanna Salonen, Yoliswa Gärtig. S: Friederike Anders, Jana Teuchert. M: Jan Tilman Schade, Gudrun Gut, Ben Freyer. P: Katarina Peters Filmproduktion, mediaco-op, YLE.
96 Min. Salzgeber ab 19.7.12

Mach Männchen

Von Dietrich Brüggemann Andi, 21, trägt weite Hiphop-Klamotten und schraubt gern an Autos herum. Walter, ein eher trockener Herr um die 50, arbeitet beim Institut für Klimafolgenforschung in Potsdam. Christian ist Mitte 30, ein nachdenklicher Berliner Intellektueller mit Dreitagebart und halblangen Haaren. Jeder dieser drei Herren kultiviert seine ganz eigene Individualität, aber keiner der dreien existiert wirklich. Es sind Figuren, die beim »Man For a Day«-Workshop der schottischen Performancekünstlerin Diane Torr entstanden sind, wo Frauen lernen, sich wie ein Mann zu verhalten. Jede der Teilnehmerinnen entwickelt im Lauf weniger Tage eine eigene Figur samt Biographie und Kleidungsstil – und geht dann auch als Mann hinaus auf die Straße. Andi heißt eigentlich Susann und war unter anderem schon Miss Havelland, Miss Uckermark und Miss Spreewald. Walter hat als Theresa drei Kinder allein großgezogen und mag sich nicht verkleiden oder verstellen, um Männern zu gefallen. Christian heißt im wirklichen Leben Eva-Marie, arbeitet für Claudia Roth und bewegt sich damit in einem Metier, in dem man permanent öffentlich ausgeleuchtet und seziert wird. Alle haben irgendeine Frage ans andere oder auch ans eigene Geschlecht, und wie sie sich im Workshop der weiblichen Muster in ihrem Auftreten bewußt werden und diese gezielt durch männliche Muster ersetzen, das ist faszinierend anzuschauen, denn selten gab es einen Dokumentarfilm, in dem man selbst sich dauernd unwillkürlich fragte: Was davon trifft auf mich zu? Daß das ganze Verwandlungsspiel, auch wenn es sich erstmal anhören mag wie eine radikalfeministische Schnapsidee, so achtsam und voller Neugier über die Bühne geht, liegt wesentlich an Diane Torr, die solche Workshops schon seit 1989 veranstaltet. Das Destillat von Männlichkeit, das sie in ihren eigenen Performances verkörpert, erscheint zwar zunächst wie eine groteske Überzeichnung, und auch das, was sie ihren Schützlingen beibringt, wirkt recht zugespitzt, doch ihr eigenes Auftreten und ihr theoretischer Ansatz sind im Gegensatz dazu so angenehm undogmatisch, daß man sich gern auf sie einläßt. Zwar bringt sie ihren Schülerinnen das klassische Macho-Gehabe bei – Raum einnehmen, breitbeinig stehen, sich nicht klein machen, nicht aus dem Augenwinkel gucken, keine Demutsgesten machen –, doch wenn diese dann ihre jeweile Männerfigur entwickeln, dann sind das keine Machos, sondern überraschend realistische, zurückhaltende, ganz eigene Individuen, mit denen man durchaus gern befreundet wäre. Ebenso wie mit den realen Protagonistinnen. Denn das ist die Leistung der Regisseurin Katharina Peters: Es gelingt ihr, jeder der Protagonistinnen ins Herz zu gucken. Daß der spannendste Teil, nämlich die Bewährungsprobe in der Öffentlichkeit, ein wenig zu kurz kommt, ist da nicht weiter schlimm. Man For a Day ist ein überaus sehenswerter Film – für alle Männer, alle Frauen und alle anderen. 2012-07-17 13:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #67.
© 2012, Schnitt Online

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