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Periferic

RO/A 2010. R,B: Bogdan George Apetri. B: Tudor Voican. K: Marius Panduru. S: Eugen Kelemen. P: Saga Film. D: Ana Ularu, Mimi Branescu, Andi Vasluianu, Ioana Flora, Timotei Duma, Ingrid Bisu, Andrei Gheorghe, Cristian Gras u.a.
87 Min. Peripher ab 12.7.12

Auf dem Sprung

Von Andreas Strasser Ob sie eine Zigarette für ihn habe, fragt der achtjährige Toma seine Mutter Matilda. Wie könnte sie ihm die verwehren? Sie hat den Kleinen zwei Jahre nicht gesehen. Toma lebt jetzt in einem Waisenhaus. Zuletzt geriet er in ernsthafte Schwierigkeiten. Matilda rettete ihn in letzter Sekunde. Also, wer ist sie schon, daß sie ihm das Rauchen verwehren könnte? Sie zündet dem Kleinen eine Zigarette an, reicht sie ihm: »Du hustest ja gar nicht – das ist gut.« Ein verschrobener Anflug von Vertrautheit zwischen Mutter und Kind, die sich vor kurzem noch so fremd waren.

Die beiden fahren an die Küste. Dort wartet das Schiff, das sie fortbringen soll, in ein neues Leben. Denn Matilda sitzt seit zwei Jahren im Knast. Heute hat sie Freigang. Daß sie flüchten möchte, ist längst beschlossene Sache. Nun hat sie vierundzwanzig Stunden, um alles vorzubereiten. Doch die Zeit ist knapp und viele Hindernisse verstellen ihren Weg. Ob sie ihr Ziel erreichen wird, ist ungewiß. Zu sehr hängt ihr Schicksal von anderen ab: Familie, Schuldner, Zuhälter, Tomas Vater. Deren Interessenlagen sind zu verbandelt, als daß sie frei entscheiden könnte.

Das Drehbuch dieses düsteren, aber gewandten und verhalten optimistischen Autorenfilms arbeitet mit den Hoffnungen seiner Figuren. Und mit erfüllten, verpaßten und leider auch letzten Chancen. Das treibt den Film an und läßt den Zuschauer mitfiebern. Seit einigen Jahren ist der rumänische Film im Aufwind, seitdem ist auch die Rede von der »Neuen Rumänischen Welle«. Gemeinsam ist der Generation das Bekenntnis zu Rumänien und die Auseinandersetzung mit der Gegenwart ihres Landes. Soziale Themen werden in Periferic auf dokumentarische Weise bearbeitet: durch die Verwendung von Handkameras und eine minimalistische Inszenierung.

Matilda kämpft mit allen Kräften, auch wenn ihr Plan einem regelrechten Ritt durchs Nadelöhr gleicht: Sie versucht das scheinbar Aussichtslose. Daß sich die Rettung an den kleinen Sprung in der kontinuierlichen Katastrophe hält, heißt es bei Walter Benjamin. Gemeinsam mit Toma versucht Matilda durch ebendiesen Sprung zu schlüpfen. 2012-07-09 16:29

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #67.
© 2012, Schnitt Online

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