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The Residents

Os residentes. BR 2010. R,B,S: Tiago Mata Machado. B: Cinthia Marcelle, Emílio Maciel. K: Aloysio Raulino, Andréa C. Scansani. S: Joacélio Baptista. M: Andre Wakko, Juan Rojo u.a. P: Katásia Filmes u.a. D: Melissa Dullius, Gustavo Jahn, Jeane Doucas u.a.
120 Min. Arsenal Institut ab 12.7.12

Viva la Revolución?

Von Stefan Jung Ein Film, ein Experiment. Eine Handvoll Protagonisten als in Räumen und vor Außenarchitektur verschanzte Guerilla-Gruppe, die mit allen Dingen des Lebens kämpft – mit der Liebe, der eigenen Geschichte, mit Gewalt, Unterdrückung und dem Ringen um Anerkennung. Alles eingehüllt in poetisch-leuchtende Farben und einem Klangkosmos aus beruhigenden, aber auch verstörenden Tönen.

Die Gruppe, das sind die Bewohner, die »Residentes«, die in ihrem eigenen Mikrokosmos aus Gefühlen und Sichtweisen leben. Die Kamera fängt beständig die Gesichtszuckungen jedes Einzelnen ein, im jeweiligen Antlitz spiegelt sich scheinbar das Dilemma einer ganzen, nein, mehrerer Generationen. Während das eine Paar in einer konstruierten Liebesszene nur allzu schnell feststellt, daß es sich nichts mehr zu sagen hat, daß der Eine den Anderen gar nicht wirklich versteht, geht ein weiteres Mitglied der Gruppe mit einem Kehrbesen als Schußwaffe auf Patrouille und spielt Krieg. Eine um die Augen bandagierte, an den Handgelenken gefesselte Frau wird als Geisel gehalten und vor einer weißen Wand mit roter Spritzfarbe malträtiert – in The Residents ist die Form der Inhalt.

Beim Betrachten dieses Films begibt sich der Zuschauer auf eine visuelle Odyssee, die zunächst scheinbar frei und ungezwungen die Kraft der Bilder zelebriert. Neben den vielen unbewegten Momentaufnahmen, die so manchem Maler als Bildvorlage dienen könnten, bleibt vor allem der zeitlich losgelöste Aspekt des Gesehenen zu betonen. Dann geht der Film soweit, Chris Markers La Jetée zu zitieren, was geradezu anmutig und bezaubernd wirkt.

Die vielen Zwischentitel sind durchgehend farblich thematisiert: Rot, Grün, Blau, Schwarz fügen sich alsbald zum bunten Konglomerat aus Textilstoffen zusammen, jeder einzelne Ton steht hier wohl für Etwas – was das sein soll, bleibt vage. Dann, nach einer knappen Stunde visueller Akrobatik, die unangenehm erzwungene »Erklärung« des Gesehenen: ein fünftüriger Schrank, auf dem mit Graffiti-Spray das Wort »Estética« (Ästhetik) geschrieben wurde. Eine Tür geht auf, die bunt gekleidete Protagonistin verringert mit ihrem, von pompös-alarmierender Marschmusik untermalten Auftritt den Begriff zu »Estica« (Tugend), dann ein letztes Mal mit hinzugefügtem Akut zu »Ética« (Moral).

»Our search didn’t lack anything…« stellt ein Protagonist fest. Der fast schon transzendentale Gestus des Filmexperiments wäre nicht so unangenehm, würde die Form auf die Erklärung ihrer eigenen Erscheinung verzichten. Dem Zuschauer wird bereits nach kurzer Zeit klar, daß hier so manch Visuelles in seiner nur denkbar schönsten Variante präsentiert werden soll – mehr nicht. An dieser Stelle könnte man sagen, The Residents möchte trotz seiner waghalsigen, scheinbar rein ästhetisch motivierten Versuchsanordnung doch zu viel, sucht Erklärungen, wo keine sein müssen, verkompliziert sich durch Dialog und Text. Wie eine der männlichen Figuren betreibt der Film »seine eigene Moral«. Ein Spiel mit den Sehgewohnheiten. Konventionslos. Die Nerven attackierend. 2012-07-09 14:19

Abdruck

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