— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Cosmopolis

CDN/F 2012. R,B: David Cronenberg. K: Peter Suschitzky. S: Ronald Sanders. M: Howard Shore. P: Alfama Films, Kinology, Prospero Pictures, Toronto Antenna. D: Robert Pattinson, Juliette Binoche, Sarah Gadon, Mathieu Amalric, Jay Baruchel, Kevin Durand, K’Naan, Emily Hampshire u.a.
108 Min. Falcom ab 5.7.12

Erfolg Reich Sterben

Von Robert Cherkowski Manchmal steht der Elefant so deutlich im Raum, daß es schon ein großes Maß an Ignoranz oder Dummheit bedarf, ihn nicht zu erkennen und keine Konsequenzen aus seiner Anwesenheit zu ziehen. Manchmal jedoch braucht man feine Fühler, um die bösen Omen und die Schrift an der Wand wahrzunehmen. Don DeLillos vor dem 11. September geschriebener, doch erst danach veröffentlichter Roman »Cosmopolis« bewies ein feines Gespür für den Zeitgeist und wußte, daß die westliche Welt entschieden auf den Kollaps von innen zusteuerte, der durch ein Jahrzehnt der Kriege zwar aufgeschoben, doch nicht aufgehoben wurde. Im Jahre 2012 steht die Rechnung von einst nach wie vor aus, nur daß sich seitdem noch einige Zinsen angesammelt haben. David Cronenberg rechnet nach.

Im Schatten keiner Türme läßt er das vielbeschworene »eine Prozent« in Gestalt des Start-up-Milliardärs Eric Packer einen Tag in einer weißen Limousine verbringen. Er will ans andere Ende der Stadt, um sich die Haare schneiden zu lassen, was an diesem Tag zur Odyssee wird. Der Präsident ist in der Stadt, Occupy-Demonstranten wüten über die Wall Street und Todesdrohungen machen die Runde. Packer beobachtet es mit einem leichten, geistesabwesenden Grinsen, als hätte er nichts damit zu tun, und schlägt sich die Zeit mit zwielichtigen Geschäften am chinesischen Markt, einer unterkühlten Sinnkrise, zahlreichen sexuellen Eskapaden und seiner täglichen Prostata-Untersuchung tot, während die Zeit vergeht, die Nacht naht und die Party des Turbokapitalismus sich mit großen Schritten dem Ende nähert. Bald schon werden sein Überdruß und seine demonstrativ zur Schau getragene Todessehnsucht vor dem Pistolenlauf des zornigen Jedermanns Levin ihr ein jähes Ende finden…

Cronenberg tut nicht so, als würde er die Irrwege des Geldes, die Inflationen, die Schuldenberge und die möglichen Auswüchse der unmittelbar bevorstehenden kapitalistischen Götterdämmerung verstehen. Die Gespräche über den Yuan, die Märkte, Haircuts und Limit Downs folgen vielmehr einem Rhythmus der Entfremdung und Dekadenz, die mit weltlichen Problemen nur noch sehr wenig zu tun haben, während die entrückt-arrogante Miene von Hauptdarsteller Pattinson hier besser genutzt wurde als in dessen bisheriger Laufbahn. Mehr als einmal wirkt er dabei wie ein Wiedergänger von Bret Easton Ellis’ Patrick Bateman. Wo dieser in seinen hellen Momenten noch von einem moralischen Schluckauf geschüttelt wurde und an der Banalität des Pompösen verzweifelte, ist Packer schon um einiges abgeklärter. Er muß keine Call-Girls ausweiden, um sich von der Leere abzulenken, zumal er sie mit jeder Pore aufgesogen und als Essenz allen Seins akzeptiert hat. No Exit. Selbst die großen Wirtschaftsverbrechen, die er aus dem Inneren seines fahrenden Büros heraus gelangweilt abwickelt, verschaffen ihm keine Genugtuung mehr. Der letzte Kick des Endkapitalisten scheint hier in der Selbstauslöschung zu liegen, in die er sich schulterzuckend begibt, als er im Schlußakt seinen Henker aufsucht. Cronenberg, der sich längst von den Body-Horror- Exzessen von einst emanzipiert hat, glänzt mit genug inszenatorischem Selbstvertrauen, seine Trademarks von einst nur noch anzudeuten. Ja, hier hat sich ein moderner Mensch von jeder Form weltlicher Körperlichkeit und Empathie verabschiedet – Nein, es muß nicht mehr mit drastischen Bildern illustriert werden, sondern kann auch mit einer sympathisch offensichtlichen Rückprojektion durch die Fenster der Limousinen-Kulissen aufgezeigt werden. Zwischen der kalt funkelnden Welt in der fahrenden Blase und dem schmutzigen Überlebenskampf liegen Grenzen, die der Armani-Zombie Packer gern überwinden würde, jedoch nicht weiß, wie.

Von falscher Entrüstung wie sie das selbstgerechte Polit-Theater von Clooney bis Penn gern vor sich her trägt ist Cosmopolis dabei weit entfernt und widmet den großen Protestposen lediglich ein müdes Lächeln. Für Proteste und Empörung ist es eh zu spät. Aller (gar nicht mal so subtiler) Zeitgeist-Symbolismen zum Trotz ist Cosmopolis keineswegs ein Pro-Occupy-Film, zumal er die Bewegung hier mehrmals als quirlige Schönwetter-Spaß-Guerilla runterputzt, sondern ein hypnotischer Trip an den Rand des Abgrundes, in den er fasziniert blickt und am Ende doch nur einen Abgrund sieht. 2012-07-04 13:14

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap