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Töte mich!

D/F/CH 2011. R,B: Emily Atef. B: Esther Bernstorff. K: Stéphane Kuthy. S: Beatrice Babin. P: NiKo Film, Vandertastic Films, Wüste Film West GmbH, Ciné-Sud Promotion u.a. D: Maria-Victoria Dragus, Roeland Wiesnekker, Wolfram Koch, Christine Citti, Jean-Jérôme Esposito, Geno Lechner, Thiemo Schwarz, Matthias Breitenbach u.a.
91 Min. Farbfilm ab 5.7.12

Raus aus Europa

Von Moritz Pfeiffer Der Film Töte mich dreht die Szenarien üblicher Migrationsgeschichten um. Hier bricht ein deutscher Häftling aus dem Gefängnis aus. Sein Reiseziel: Afrika. Europäische Arthouse-Filme der letzten Jahre fahren die Strecke vorzugsweise in entgegengesetzter Richtung ab. Philippe Liorets Welcome, Marian Crisans Morgen, Aki Kaurismäkis Le Havre, Emanuele Crialeses Terraferma – immer geht es um rechtlose Flüchtlinge, die ihr Glück in den gesicherten Zonen Europas suchen.

Daß es auch in Europa nicht unbedingt behaglich zugeht, zeigt Töte mich. Timo (Roeland Wiesnekker) ist ein großgewachsener Mann. Er ist Mitte Vierzig, alt genug, die Härte des Lebens zu kennen und jung genug, dem Leben noch einmal eine Chance zu geben. Die Härte des Lebens hat Timo als Kind in einer Familie erlebt, die ihn zum Mißbrauch adoptiert hat. Den Vater hat er später getötet und dafür die Haftstrafe in Kauf genommen. Eine neue Chance ergreift er, als es in seinem Gefängnis brennt – er flieht. Das alles erfährt der Zuschauer erst nach und nach. Auf dem Weg aus Europa trifft Timo das Bauernmädchen Adele (Maria-Victoria Dragus), in deren Familie es auch nicht gerade rosig zugeht. Adele will allerdings nicht ihre Familie aus der Welt schaffen, sondern sich selbst. Hier kommt Timo ins Spiel, der sich in dem Bauernhof vor der Polizei versteckt. Adele schlägt ihm einen Fluchtplan vor, der nur mit ihrer Hilfe gelingt. Als Gegenleistung fordert sie, von einer Klippe gestoßen zu werden.

Freilich, Töte mich setzt zuallererst ein klassisches Identifikation-mit-dem-Agressor-Szenario um. Auch hier entscheidet sich die Regisseurin Emily Atef gegen die Tradition, indem sie die Grenzen zwischen Opfer und Täter verwischt. Schnell macht sich bemerkbar, daß die Beziehung auf Gegenseitigkeit beruht. Der Pakt nimmt schon alles vorweg. Timo muß lernen, seine Aggression nicht auf andere und Adele die Aggression der anderen nicht auf sich selbst zu projizieren. Psychologisch geht der Film allerdings nicht über dieses Konzept hinaus. Tatsächlich setzt die Regisseurin zu sehr auf die Vergangenheit ihrer Figuren. Fast jeder Konflikt wird durch irgendein Kindheitstrauma hervorgerufen. Die Figuren einfach ohne diese Hintergrundinformationen zu zeigen, traut sich die Regisseurin nicht.

Viel interessanter ist daher die politische Konsequenz des Films. Europas Türen sind geschlossen. Aber nicht nur für die Vielen außerhalb. Anscheinend sind auch in politischer Freiheit nicht alle frei. Adele und Timo jedenfalls scheinen eher von der unterdrückten Sorte. Statt England, Deutschland oder Frankreich als teleologisches Prinzip zu symbolisieren, erinnert Emily Atef daran, daß Freiheit nicht unbedingt von der Politik großer Nationen abhängt. Mindestens genauso wichtig ist die innere Haltung zum Leben. Hier hätte Atef noch mehr von ihrem Roadtrip-Szenario profitieren können, denn auf dem Weg von Deutschland nach Marseille sieht man nicht nur idyllische Landhäuser und verwunschene Wälder. 2012-07-02 14:55
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