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Jasmin

D 2011. R,K: Jan Fehse. B: Christian Lyra. S: Ulrike Tortora. P: milk film. D: Anne Schäfer, Wiebke Puls.
88 Min. Camino ab 14.6.12

Die Unfaßbare

Von Jens Mayer Um das Unbegreifliche, das Unvorstellbare darzustellen, bedienen sich die Medien seit jeher gleicher Herangehensweisen. Nicht nur Boulevardzeitungen und entsprechende TV-Magazine, sondern sämtliche Nachrichtenorgane setzen bei der unmittelbaren Berichterstattung hauptsächlich auf den reißerischen Schockmoment und eine auf größtmöglichen Abstand zielende Empörung. Der gesellschaftliche Tabubruch wird durch Ausgrenzung der Tat und der beteiligten Protagonisten als kranker, widernatürlicher Teil isoliert und quasi in virtueller Sicherheitsverwahrung vorab eliminiert. Ein eventuelles juristisches Urteil wird in diesem Prozeß bereits auf öffentlicher Ebene vorweggenommen. Ob es tatsächlich dem Fazit der Gerichtsverhandlung nahekommt oder lediglich auf Vor-Urteile setzt, spielt dabei kaum eine Rolle. Meist ist hier die Auseinandersetzung mit dem Nicht-Faßbaren nach kurzer Zeit erledigt, die Schockstarre weicht der Verdrängung: »Lebbe geht weider« – der Organismus »Gesellschaft« hält sich auf diese Weise selbst lebens- und handlungsfähig.

Erst mit einem gewissen zeitlichen Abstand kann auf dokumentarischer und narrativer Ebene eine andere Qualität der Themenaufarbeitung erfolgen. Geschichten werden Teil der Geschichte, Befunde und Zeugenaussagen belegen Hintergründe und eröffnen die Möglichkeit, den Symptomen für die unfaßbare Tat auf die Spur zu kommen. Das Dokumentarische Theater nutzte die Reduktion auf die Quellen – Gerichts- und Polizeiprotokolle – zur Aufarbeitung von Mord, Schrecken und Terror. Im Spielfilm ist die Ausgangssituation im Gerichtssaal oder beim Polizeiverhör eine häufig genutzte Variante, um in szenischen Rückblenden Verlauf und Dramatik der Ereignisse aufzudecken. Eine dankbare Technik um Plot und Spannungsaufbau voranzutreiben, häufig jedoch eine sehr beschränkte und gefilterte Interpretation der Begebenheiten durch Autor und Regisseur. 1995 versuchte Romuald Karmakars Der Totmacher anhand von historisch verbürgten Worten und Gesten eine dokumentarische Offenheit zu inszenieren, die nicht nur einen unmittelbaren Einblick in das Innere des »Monsters« Fritz Haarmann als Produkt seiner Zeit ermöglicht, sondern durch die unerbittliche Befragungssituation keinerlei Ablenkung vom Täter-Subjekt erlaubt.

Mit Jasmin etabliert Regisseur Jan Fehse eine ähnlich strikt-formale Anordnung wie Karmakar. Der Nachwuchspreisträger des Bayrischen Filmpreises für den Debütfilm In jeder Sekunde widmet sich in seinem düsteren Kammerspiel einem dieser gesellschaftlichen Tabuthemen: Kindstötung. Ein gesellschaftlicher Alptraum, der die natürliche Ordnung der Dinge bedroht und die ewig wiederkehrende Frage stellt: Wie kann ein Mensch nur dazu fähig sein? Fehse und Autor Christian Lyra suchen die Antwort mit Hilfe der psychologischen Profilaufschlüsselung der jungen Mutter. Dabei setzen sie auf das Gesprächsduell der beiden Protagonistinnen, der Psychiaterin Dr. Feldt und der titelgebenden Täterin, über die Feldt ein gerichtliches Gutachten anfertigen soll. An vier Tagen soll das Aufeinandertreffen der beiden Frauen in einem karg eingerichteten Zimmer der Psychiatrie zu einer schmerzhaften seelischen Enthäutung der Patientin werden.

Daß Fehse und Lyra bei Jasmin Wert auf größtmögliche Authentizität gelegt haben und sich dabei voll und ganz auf die Ausdrucksstärke von Anne Schäfer und Wiebke Puls verlassen, ist anerkennenswert. Tatsächlich schaffen es die beiden Schauspielerinnen eine überzeugende Darstellung ihrer Charaktere zu vermitteln. Leider wirken die Dialoge dabei oftmals artifiziell und steril, als seien sie für die Theaterbühne geschrieben, als erzählten nicht auch Sprachduktus und Melodie bereits viel über soziologisch-psychologische Hintergründe.

Zudem sind es narrative Details, die Jasmin viel von seiner Brisanz nehmen. Beginnend bei ihrer Lebensgeschichte, die sich auf die Summe echter Fälle beruft, und vielleicht deswegen auch nur einen durchschnittlichem Spannungsbogen schlägt. Weitgehend vorhersehbar und unspektakulär, teilweise klischeebeladen werden die Stationen der Protagonistin hin zum scheinbar ausweglosen Endpunkt abgehandelt. Die Reise ins Herz – oder zumindest die Psyche – der Finsternis geht dabei selten über die Aufzeichnungen einer Patientenakte hinaus. Die Tat, vor allem aber die Täterin bleibt trotz ausführlicher Bestandsaufnahme unfaßbar, die Inszenierung kratzt nur an der Oberfläche. So ist Jasmin ein interessantes Experiment, das, solide umgesetzt, seine Wirkung zu sehr den eigenen formalen Vorgaben und dem Authentizitätszwang unterordnet. Hier wäre tatsächlich eine offensivere und nachdrücklichere Handschrift des Filmemachers Fehse notwendig gewesen. 2012-06-08 13:08
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