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Ehre

D 2011. R,B: Aysun Bademsoy. K: Nikola Wyrwich, Sven Jakob. S: Clemens Seiz. P: ma.ja.de. Filmproduktions-GmbH.
87 Min. farbfilm ab 16.2.12

Eine Frage der Ehre

Von Martin Wertenbruch »Der Film verzichtet auf voyeuristische Action-Orgien, lebt von Milieuschilderung, Dialogen und überzeugendem Schauspiel«, so ist im Heyne Filmjahrbuch von 1994 über das Militärdrama Eine Frage der Ehre (1992, R: Rob Reiner) zu lesen, in dem es um Männer und ihre unbedingte Loyalität zu den Werten ihres Marine-Corps geht.

Das Zitat paßt so auch zu Aysun Bademsoys Dokumentation Ehre. Auch hier geht es um Männer und ihre ehrbezogenen Normvorstellungen. Gemeint ist dabei aber nicht jedwede, sondern die im Integrationsdiskurs viel diskutierte geschlechtsspezifische Ehre. Jene Konzeption, die mitunter zu sogenannten Ehrenmorden führt, wie der jüngst in Detmold verhandelte Fall der ermordeten Arzu Ö.

Bademsoy rahmt ihre Spurensuche durch ältere Fälle, wie den Mord an Hatun Sürücü, die 2005 in Berlin-Tempelhof erschossen wurde und deren Fall eine bundesweite Debatte um Ehre im Zusammenhang mit Justiz und Integration auslöste.

Die ausschließlich männlichen Gesprächspartner trifft sie zunächst in sozialen Einrichtungen der Berliner Jugendhilfe, in denen Antigewalttrainings und therapeutische Sitzungen für straffällig gewordene Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund stattfinden. In Gesprächen auf der Straße befragt sie die Jugendlichen über ihre Vorstellungen von Ehre, ihr strafbares Verhalten und ihre Einstellungen dazu. Ergänzt werden die Gespräche durch »Experteninterviews« mit einem Gerichtsgutachter, Polizisten und Sozialarbeitern.

Der Tenor ist, daß die Erfahrung und Ausübung von Gewalt den Alltag der Jugendlichen prägen. »Wer nicht hört, der fühlt«, sagt zum Beispiel Christian, einer der Protagonisten, und es wird schnell deutlich, daß dieses Credo seine Erziehung wie auch sein Alltagshandeln dominieren. Erwartungsgemäß tauchen bei den Jugendlichen Stichworte wie Schwester, Familie und der Koran auf. Und bei den »Experten« archaisch, Patriarchat und Kultur. Aber wenn man genauer hinschaut, hat Bademsoy diejenigen Stimmen zusammengestellt, die erahnen lassen, worum es sich bei den Jugendlichen vor allem handelt: um Angst. Und zwar um eine soziale Angst vor Ausgrenzung aus der relevanten Bezugsgruppe. Immer wieder betonen die jungen Männer mit den flotten Sprüchen, der im Solarium gebräunten Haut und den akkuraten Kurzhaarschnitten, daß es darum gehe, vor den anderen nicht als schwach – sie sagen »Opfer« – dazustehen. Und so sehen sie sich, nein sie sind einem Gewalt legitimierenden Handlungszwang ausgesetzt, wenn jemand sie oder Mitglieder ihrer Familie – und damit das, was sie als ihre Ehre definieren – beleidigt. Daß sie lernen sollen, sich anders zu artikulieren, liegt auf der Hand.

Obschon die Verflechtung von Beobachtung, Interviews und Einbindung von Ehrenmordfällen den Fokus auf den Integrationsdiskurs lenkt, vermag die Regisseurin es, das Thema nah an den Protagonisten zu entwickeln und somit auch ein stückweit zu »entmigrantisieren«. Denn für die jungen Männer sind Berlin-Reinickendorf und Wedding die lokalen Bezugsgrößen, nicht Anatolien oder Palästina.

Die begrünte Tristesse der Tatorte im zwischen geschobenen Panoramaschwenk sowie der geduldige Kamerablick auf die Protagonisten – ohne Musik und mit nur spärlichen Modifikationen auf der Tonspur – lassen dem Zuschauer Zeit, das Gesagte und Gesehene zu reflektieren und einmal abseits von schreienden Sarrazinerläuterungen über die Gewalt der Ehre nachzudenken.

»Der Film verzichtet auf voyeuristische Action-Orgien, lebt von Milieuschilderung, Dialogen und überzeugendem Schauspiel...« 2012-06-04 11:13

Info

läuft derzeit im FSK Kino in Berlin-Kreuzberg
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