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Tabu – Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden

A/D/F/L 2011. R: Christoph Stark. B: Ursula Mauder. K: Bogumil Godfrejow. S: Hans Funk. M: Thomas Osterhoff, Jeannot Sanavia. P: ECLYPSE Filmpartner ProduktionsGmbH, Film-Line Productions Filmproduktions GmbH, Zen Productions u.a. D: Carl Achleitner, Peri Baumeister, Rainer Bock, Vera Borek, Claude Breda, Haymon Maria Buttinger, Lars Eidinger, Petra Morzé u.a.
100 Min. Camino ab 31.5.12

Der Dichter als Zitat

Von Matthias Wannhoff Recht am Anfang von Tabu gibt es eine Szene, die Stärke und Schwäche dessen, was auf sie folgen wird, mit einem Mal vorwegnimmt: Wir sehen den Theaterschauspieler Lars Eidinger, wie er – mit einer ähnlichen Präsenz wie zwei Jahre zuvor in Alle Anderen, wo der Kino-Debütant mit einer dreiminütigen Tanzeinlage selbst eine unendlich dröge Ferienwohnung zur Theaterbühne machte – ein Gedicht von Georg Trakl rezitiert. Die Vortragsform, die er hierfür wählt, ist jene Mischung aus Überartikuliertheit und poetischem Pathos, wie sie wohl einst aus der Not fehlender Stimmen-Verstärkung in der Aufführungspraxis entstanden sein muß und seitdem medienübergreifend als Signal dafür eingesetzt wird, daß das, was da gerade gesprochen wird, poetisch ist. Vermutlich hat kein Dichter – und schon gar nicht Trakl, der einige der schönsten und zugleich dunkelsten Gedichte des deutschsprachigen Expressionismus verfaßt hat – so jemals sein Material vorgetragen, es sei denn, als postmoderner Witz. Eidinger jedoch spielt keinen Kunststudenten, der sich über die Alten mokiert. Er spielt Georg Trakl. Wobei: Im Grunde spielt er nicht Georg Trakl, wenn damit ein Mensch aus Fleisch und Blut gemeint ist. Er spielt aber auch nicht sich selbst. Er spielt vielmehr sich selbst, wie er Georg Trakl spielt. Im antiken Jargon der Kunstform formuliert, aus der Eidinger kommt: In Tabu wird die Person Trakl zur Persona, der Dichter zum Zitat.

Mit der Ernsthaftigkeit ist es deshalb nicht weit her. Über weite Strecken torkelt Eidinger durch den Film, als hätte er den Trakl-Freund Franz Zeis beim Wort genommen, der einst über den Jungdichter sagte: »Sieht stark, kräftig aus, ist aber dabei empfindlich, krank … Wenn er hie und da irgendetwas Geheimnisvolles ausdrücken will, hat er eine so gequälte Art des Sprechens, hält die Handflächen offen in die Schulterhöhe, die Fingerspitzen umgebogen, eingekrampft, Kopf etwas schief, Schultern etwas hochgezogen, die Augen fragend auf einen gerichtet.« Daß dieser Typus, wie so viele Dichter seiner Generation mit Drogensucht, Depression und einem erschreckend kurzen Leben gestraft, in Pete Doherty inzwischen einen veritablen Wiedergänger gefunden und deshalb eine Affinität zum Klamauk hat, dafür kann Tabu nichts – für das Verhältnis, das der Film zum Überlieferten unterhält, hingegen schon.

Das von Christoph Stark, der bisher vor allem fürs Fernsehen gearbeitet hat, verfilmte Drehbuch nämlich hat Großes im Sinn. Der Produzent beschönigt nichts, wenn er Tabu eine Liebesgeschichte nennt, »die nicht historischen Fakten folgt«, sondern »die innere Reise zweier Menschen beschreibt, die sich … nicht lieben dürfen«. Gemeint ist der Inzest zwischen Trakl und dessen Schwester Magarete, den mehrere Gedichte des Österreichers als immerhin wahrscheinlich ausweisen. Ansonsten ist der Umgang mit der Geschichte locker: Aus dem 34 Jahre älteren Buchhändler, den Grete tatsächlich geheiratet hat, wird ein 20 Jahre älterer Musikprofessor, wohingegen Georgs Studienfreund Ludwig offenbar frei erfunden ist (und nicht zu verwechseln mit dem verspäteten Trakl-Mäzen Ludwig Wittgenstein). Man sieht die Verantwortlichen vor sich, wie sie im Filmgespräch die unvermeidliche Frage aus dem Publikum, inwieweit man sich denn an die Fakten gehalten habe, mit dem ebenso unvermeidlichen Verweis auf Kunstfreiheit kontern und damit den Saal zum Klatschen bringen.

Wäre es doch nur so einfach! Die hermeneutische Absicht zu leugnen, die in Tabu am Werke ist, hieße zu ignorieren, daß die Gedichte, die nicht zu knapp aus dem Off rezitiert und mit der Erzählung verflochten werden, eben doch Fakt sind – einfach weil es sie gibt. Was für die Germanistik also wahlweise Nietzsche, französische Dekadenzdichtung oder der Krieg sind, heißt in Tabu Inzest: schöpferischer Stimulus und psychologische Folie, auf die das Traklsche Werk zu beziehen ist. Ein Zuschauer, der mit diesem einigermaßen vertraut ist, dürfte, um den kraftvollen Hauptdarsteller und einen stark auf Identifikation getrimmten amourösen Konflikt – bei dessen Inszenierung nicht an fiebrigen Szenen gespart wurde – zu würdigen, wohl den gleichen ironischen Abstand zur Figur Trakl benötigen, den Tabu anfangs vorgibt. Daß der Film daran scheitert, diesen Abstand selbst einzuhalten, ist sein Problem. 2012-05-29 09:36

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