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Mark Lombardi – Kunst und Konspiration

D 2011. R,B,S: Mareike Wegener. K: Sophie Maintigneux. S: Eli Cortiñaz. M: Kevin Haskins. P: unafilm.
79 Min. RealFiction ab 31.5.12

Die Beschissenheit der Welt

Von Mark Stöhr Das Wissen und der Wahnsinn sind Geschwister. Tausende von Karteikarten füllte der US-amerikanische Künstler Mark Lombardi mit ihnen: Informationen über die Verflechtungen zwischen Regierungen, Konzernen, Mafia- und Terrororganisationen, über politische Machtstrukturen, Machenschaften, Verschwörungen und Verbrechen. Alle Informationen, die der Künstler auf seinen Karteikarten notierte, stammten aus öffentlich zugänglichen Quellen, aus Büchern, Datenbanken und Zeitungsartikeln. Ein riesiges Archiv entstand so über die Jahre. Ein Archiv über die Beschissenheit der Welt. Daraus machte Lombardi seine Bilder. Er nannte sie »narrative structures«.

Es sind graphische Gemälde, sämtlich von Hand gemalt. Hunderte von Namen sind auf ihnen verzeichnet, Namen von Einzelpersonen und Organisationen. Sie sind mit Pfeilen in Beziehung zueinander gesetzt. Immer wieder taucht der Name Bush auf. Der Bush-Clan und dessen Verquickung von Politik und Wirtschaft waren der Hauptzielpunkt von Lombardis Recherchen und Diagrammen. George Bush Jr. hatte kurz vor Ausbruch des ersten Golfkriegs 1991 ein Aktienpaket eines texanischen Ölkonzerns in Höhe von 850.000 Dollar verkauft. Zwei Monate später wäre es nur noch ein Viertel wert gewesen. Bush hatte immer bestritten, von den Kriegsplänen seines Vaters gewußt zu haben. Für Lombardi ist er eine Tangente des Bösen.

Mareike Wegener bahnt sich in ihrem ersten großen Film nach der Filmhochschule – sie studierte an der Kunsthochschule für Medien in Köln – souverän einen Weg durch den Wahnsinn eines Werks, das den Wahnsinn der Welt zum Thema hat. Mit klarer Filmsprache und klarer Narration entwirft sie ein Kunst- und Künstlerportrait, das nicht selbst Kunstwerk sein will. Dafür gebührt ihr Lob. Andere Regisseure hätten womöglich die Struktur ihres Films der Struktur ihres Sujets angepaßt: verästelt, wuchernd, raunend. Sie hätten auf die Verschwörungskarte gesetzt, den nicht unerheblichen paranoiden Anteil des Stoffes.

Denn Mark Lombardi fühlte sich verfolgt. Und er lebt nicht mehr. Er wurde im März 2000 in seinem Atelier in Brooklyn erhängt aufgefunden. Die Behörden gingen von Selbstmord aus, worauf auch einiges hindeutet: Lombardi hatte zu der Zeit große Probleme. Seine Frau hatte sich von ihm getrennt, er fühlte sich künstlerisch ausgebrannt. Zudem wurde sein wichtigstes Werk, »BCCI-ICIC & FA B, 1972-1991«, kurz vor einer Ausstellung in New York von einer defekten Sprinkleranlage zerstört. Eine Woche lang arbeitete Lombardi Tag und Nacht an seiner Wiederherstellung, offenbar unter maßgeblicher Mithilfe von Tabletten. Drei Wochen später war er tot. Die Spekulationen schossen trotz dieser relativ eindeutigen Suizid-Indizien ins Kraut. Sie tun es im Grunde bis heute.

Wegener beteiligt sich daran nicht. Sie erzählt die Geschichte, wie ein Agent vom FBI nur ein paar Tage nach den Terroranschlägen des 11. September im New Yorker Whitney Museum auftauchte. Er suchte nach Informationen über das Finanzierungsnetzwerk von Osama Bin Laden, den man schon damals als Urheber allen Übels vermutete. Der FBI-Mann wurde fündig in eben jenem BCCI-Werk Lombardis. Das gab es noch nie in der Kunstgeschichte: Daß die Arbeit eines Künstlers als Informationsquelle für einen Geheimdienst diente. Die Entschlüsselung einiger ihrer wahnwitziger Tentakel ist das Herzstück des Films.

BCCI steht für Bank of Credit and Commerce International. Eine Zeitung bezeichnete dieses global operierende Geldhaus einmal als »Weltbank des Verbrechens«. Ihre Kunden waren Diktatoren wie Saddam Hussein, Ferdinand Marcos und Manuel Noriega, Terroristen wie Abu Nidal, Waffenhändler und Drogendealer. Sie wuschen über die BCCI Geld und transferierten über sie riesige Beträge ins Ausland. Aber auch die CIA machte Geschäfte mit der »Bad Bank« mit Heimatsitz in Pakistan, unter anderem beim so genannten »Iran-Contra Skandal«. 1991 flog das hochkriminelle Transaktionstheater auf. Schaden: rund zehn Milliarden Euro. Vor allem davon betroffen: Kleinanleger.

Einfache Leute wie Lombardis Eltern also. Mareike Wegener hat sie besucht. Es ist die berührendste Passage des Films. Sie verstanden nur wenig von den Verschachtelungen, an denen sich ihr Sohn abarbeitete. Ihre Trauer ist noch immer untröstlich. Was ist schon der Verlust einer Bank gegen den Verlust eines Kindes? 2012-05-28 12:31

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