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Im Garten der Klänge

Nel giardino dei suoni. CH 2009. R,B,K,S: Nicola Bellucci. K: Pio Corradi, Pierre Mennel. S: Frank Matter. P: Soap Factory Productions.
89 Min. W-Film 31.5.12

Da ist Musik drin

Von Lena Serov Mit der tastenden Vorsicht und Behutsamkeit eines Archäologen dokumentiert der Film Im Garten der Klänge die Bild- und Klanglandschaft der Toskana. Ihre hügelige Landschaft und die charakteristische Lichtdramaturgie im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten fotographiert die ruhige Kamera in andächtigen Tableaus. Kontemplativ und mit vollster erzählerischer Zurückhaltung zeichnet der Film gleichzeitig ein komplexes Portrait des Klangforschers, Musikers und Musiktherapeuten Wolfgang Fasser, der in dieser Landschaft lebt und arbeitet. Er widmet seine Arbeit insbesondere schwerbehinderten Kindern.

Im Kindermusikzentrum »Il Trillo« hat Fasser ein experimentelles Studio mit Musikinstrumenten eingerichtet, in dem er unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten für die individuellen motorischen und kommunikativen Beeinträchtigungen seiner jungen Patienten erprobt. Seine zentrale Methode besteht in der geduldigen Heranführung an akustische Ereignisse und im Schaffen von Aufmerksamkeitsräumen durch die Interaktion mit Klängen, Bewegungen und Aufnahmen von Musik, um die Kinder im Alltag etwas selbstbewußter und selbständiger zu machen. Vor allem aber ist er darum bemüht, den Kindern einen würdevollen Umgang mit ihrer Behinderung zu geben. Die Angehörigen der Behandelten zeigen sich erstaunt über Fassers therapeutische Erfolge und berichten von bemerkenswerten Fortschritten. Gleichzeitig macht der Film deutlich, daß diese Therapiemöglichkeiten auch ihre Grenzen haben und Fasser auch hin und wieder Rückschläge und Verweigerungen seiner Schüler hinnehmen muß.

Fasser, der selbst mit Anfang 20 erblindete und sich seitdem die Welt mithilfe des Hör- und Tastsinns erschließt, weiß um die Herausforderungen des Alltags und bemächtigt sich vor allem seiner akustischen Umwelt, wie er selbst sagt, als einer Brücke zur Realität. Mit archäologischem Gespür sammelt und nimmt er Klangcollagen aus der Umgebung auf und überführt sie in seine eigene imaginäre Erinnerungslandschaft. »Diese Hörbilder sind für mich Postkarten oder Fotographien, an die ich mich später erinnere. « Daß er jedoch auch als Klarinettist in einem Klezmer Musikensemble erfolgreich ist, zeigt eine weitere Facette seiner vielfältigen Tätigkeiten als Musiker.

Im Garten der Klänge ist ein Gesamtkunstwerk aus Bild, Ton, Lebens- und Wahrnehmungsintelligenz, an dem ein ganzes Kollektiv an Bild- und Soundkünstlern mitgearbeitet hat. Die Tonspur ist neben einem brillanten, landschaftsatmosphärischen Sounddesign aus idiosynkratischen Soundscapes auch mit Musik und Geräuschen ausgestattet und zu einem höchst artifiziellen audiovisuellen Ensemble verschmolzen. Die Stille als stilistisches Mittel der Reflexion und Versenkung stiftet einen wichtigen Kontrapunkt zu dieser Klangkunst. Das moderate Adagio der filmischen Landschaftsgemälde wird kongenial rhythmisiert von den Klangbildern, die den Zuschauer sinnesgeschärft und staunend hinterlassen. 2012-05-28 12:12

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #66.
© 2012, Schnitt Online

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