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Yellow Sea

Hwanghae. ROK 2010. R,B: Na Hong-jin. K: Lee Sung-je. S: Kim Sun-Min. M: Jang Young-kyu, Lee Byung-hoon. P: Popcorn Films. D: Kim Yun-seok, Ha Jung-woo, Jo Seong-ha, Lee Chul-min u.a.
141 Min. Fox ab 24.5.12

Ein Knochenjob

Von Robert Cherkowski Um ein Leben zu beenden, brauchen die nicht nur moralisch heruntergekommenen »Helden« von Na Hong-jins Yellow Sea nicht nur ein gerütteltes Maß an Skrupellosigkeit, sondern auch ebenso viel Kraft und Ausdauer. Wo in amerikanischen Filmen die Lebenslichter gern durch großkalibrige Waffen ausgelöscht werden, greifen die Schergen hier gern zu handfesteren Werkzeugen, um ihre Widersacher vom Leben zum Tode zu befördern: Messer, Knüppel, Brecheisen und die guten alten Äxte sind es, die hier herhalten müssen. Als in einer späten Szene gerade nichts anderes zur Hand ist, muß zur Not auch ein abgenagter Rinderknochen als Schädelknacker herhalten. Na dann guten Hunger…

Bevor es jedoch so weit ist, läßt sich Na Hong-jin erstaunlich viel Zeit, um das triste Milieu zu etablieren. Na hatte bereits mit seinem Debüt The Chaser gezeigt, daß das koreanische Genrekino nicht nur für temporeichen Hochglanz mit Crowd-Pleaser- Garantie stehen muß und sich eher an den existenzialistischen Crime-Dramen des frühen Alain Corneau (Police Python 357, Wahl der Waffen) orientiert. Das Gelbe Meer, das hier als Rubikon und Fluß Styx für arme Schlucker auf allen Seiten des Wassers eine metaphorische Bedeutung bekommt, grenzt an Nordkorea, China und Südkorea. In China findet sich das von Kriminellen beherrschte Flüchtlingsghetto der Provinz Yanbian an der chinesisch-russischen Grenze und gibt den tristen Rahmen für einen lebhaften Menschenhandel und zahlreiche Schleuser vor. Südkorea erscheint als das gelobte Land – die erste Welt, die es zu erreichen gilt, koste es, was es wolle. Einige werden das Meer überqueren. Kaum einer wird zurückkehren. Das Meer gemahnt an die zahlreichen schlecht verheilten Wunden in der Geschichte aller angrenzenden Länder. Es werden noch einige frische hinzukommen.

Ku-Nam (Kim Yoon Suk) fristet als Taxifahrer ein entbehrungsreiches Leben in Yanbian und lebt mit seiner Mutter und seinem kranken Sohn in aussichtslosem Elend. Seine Frau hat sich bereits nach Seoul abgesetzt und Ku-Nam will ihr folgen, sobald er das nötige Kleingeld zusammengekratzt hat. Da er jedoch hemmungslos der Spielsucht verfallen ist und tief in der Kreide der örtlichen Geldverleiher steht, die allesamt dem örtlichen Paten Myung-Ga (Yun-seok Kim) unterstehen, kommt er seinem Ziel nicht wirklich näher. Als er bei einer erneuten Pleite die Nerven verliert und in einem verrauchten H interhof-Casino eine Schlägerei vom Zaun bricht, wird Myung-Ga auf den jähzornigen Nobody aufmerksam und schickt ihn mit einem Auftrag nach Seoul, der ihn von all seinen Schulden befreien soll. Der geneigte Filmfreund wird wissen, daß dieser Auftrag einen Mord beinhaltet. Als er diesen, nach der Überwindung des moralischen Schluckaufs, dann durchführen will, stellt er jedoch fest, daß er bereits unrettbar in einen Machtkampf zwischen der Nadelstreifen-Fraktion der südkoreanischen Mafia und der eher rustikalen Crew um den verflodderten Gangleader Myung-Ga verstrickt ist. So bedächtig der erste Mord in dem langsamen Erzählfluß des ersten Drittels aufgebaut wurde und so groß die Skrupel Ku-Nams zu Beginn auch waren, überschlagen sich schnell die Ereignisse und bald fällt es nicht nur dem ausgezehrten Antihelden schwer, die Übersicht zu bewahren über die Intrigen und bald auch unerwartet hohen Leichenberge, die sich hier türmen.

Anstatt dabei in den Genre-Autopiloten zu schalten, sich innerhalb der Fronten zu positionieren und in Pro- und Antagonisten zu unterscheiden, entwirft Na Hong-jin in ausgewaschenen Farben, labyrinthischen Story-Wendungen und einigen wahrhaft erschöpfenden, sowohl in Länge als auch Material- und Menschenverschleiß exzessiven Actionszenen das Bild einer Welt, in dem ein Hund den anderen frißt. Immer mehr gleichen Ku-Nam, Myung-Ga und der verzärtelt scheinende südkoreanische Pate Kim (Lee Chul-Min) gehetzten Tieren, die einander in die Ecken treiben und schließlich nur noch spritzendes Rot sehen. Ein Feel-Good-Film sieht anders aus und auch der Zuschauer muß sich am Ende von zweieinhalb fordernden Stunden die Wunden lecken von einem Filmerlebnis, das schwer im Magen liegt. Na Hong-jin zumindest hat sich mit diesem anstrengenden Gewaltakt von Film endgültig als großer Schmerzensmann nicht nur des koreanischen Kinos empfohlen. 2012-05-22 17:00

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