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Our Idiot Brother

USA 2011. R: Jesse Peretz. B: David Schisgall, Evgenia Peretz. K: Yaron Orbach. S: Jacob Craycroft, Andrew Mondshein. M: Eric D. Johnson, Nathan Larson. P: Big Beach Films, Likely Story. D: Paul Rudd, Elizabeth Banks, Zooey Deschanel, Emily Mortimer, Steve Coogan u.a.
90 Min. Senator ab 17.5.12

Ned sauvé des eaux

Von Asokan Nirmalarajah Was haben der Franzose Jean Renoir, der Italiener Pier Paolo Pasolini, der Amerikaner Paul Mazursky und der Japaner Takashi Miike gemeinsam? Mal abgesehen davon, daß es sich bei allen vier Filmemachern um gleichermaßen renommierte wie kontroverse Regisseure mit zeitlich voneinander relativ unabhängigen Schaffensperioden handelt, hat jeder von ihnen einen Film gedreht, der davon erzählt, wie eine gutbürgerliche und wohlhabende Familie von einem mysteriösen Außenseiter von innen heraus umgekrempelt wird. Die neueste Bearbeitung dieses scheinbar zeitlosen Sujets im vierten Kinofilm des Musikers und Werbefilmers Jesse Peretz gestaltet sich allerdings so uninspiriert, daß sich filmhistorisch kundige Zuschauer mit ihren Erinnerungen an Renoirs drollige Gesellschaftskomödie Boudu – Aus den Wassern gerettet (1932), dessen peppiges US-Remake Zoff in Beverly Hills (1986) von Mazursky, Pasolinis sonderbaren Ideenfilm Teorema (1968) oder Miikes brutal-ekliger Familiensatire Visitor Q (2001) erheitern müssen. Denn die 2011 in Sundance uraufgeführte, namhaft besetzte Independent-Dramödie Our Idiot Brother ist so unambitioniert wie unscheinbar, gehemmt von halbherzigen Ideen und flachen Figuren.

Dabei verfügt der rund um New York City fotographierte Neunzigminüter mit dem trotteligen Biobauern und kiffenden Hippie Ned über einen durchaus sympathischen Protagonisten, der, erfrischend unkompliziert gespielt von einem zotteligen Paul Rudd, gleich in seiner ersten Szene aus Nächstenliebe und Naivität einem gestreßten Streifenpolizisten in Uniform Marihuana schenkt und dafür ins Gefängnis wandert. Das mühsam konstruierte und durchweg vorhersehbare, für den befreundeten Rudd geschriebene Skript des New Yorker Ehepaars Evgenia Peretz und David Schisgall versucht sich im Anschluß jedoch auch an der umständlich erzählten Geschichte einer dysfunktionalen Familie spleeniger, schablonenhaft entworfener New Yorker. Gespielt werden diese wandelnden Klischees neurotischer, selbstsüchtiger Großstädter auf dem Selbstfindungstrip von einem talentierten, hier sträflich unterforderten Ensemble von Independentfilm-Veteranen, die neben dem lockeren Charme von Rudd aber verblassen. Indes spielt der Film den stets positiv gestimmten, kindlichen Hippie Ned gegen die erwachsenen, unaufrichtigen Karrieristen in dessen Familie aus, ohne dabei dem einen oder anderen Lebensstil frische Aspekte abzugewinnen.

Erst in seiner zweiten Hälfte, wenn Neds offene, unbekümmerte Art zu gravierenden Komplikationen in den von Lügen und Verdrängung aufrecht erhaltenen Lebensmodellen seiner Schwestern führt, gewinnt der Film endlich etwas an Fahrt. Doch auch so liebenswerte Figuren wie der von T.J. Miller gegebene, einfältige neue Freund von Neds früherer Lebensgefährtin oder der von Sterling K. Brown amüsant gespielte Bewährungshelfer Omar täuschen nicht darüber hinweg, daß die lustlos inszenierte und auf ein so konventionelles wie unvermittelt herbeigeführtes Happy End zusteuernde Ensemblekomödie weit hinter ihren Möglichkeiten bleibt. 2012-05-14 13:03

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