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The Substance – Albert Hofmanns LSD

The Substance. CH 2011. R,B: Martin Witz. K: Pio Corradi, Patrick Lindenmaier. S: Stefan Kälin. M: Marcel Vaid. P: Ventura Film, RSI-Radiotelevisione Svizzera, Teleclub AG, Lichtblick Film- und Fernsehproduktion u.a.
89 Min. mindjazz ab 17.5.12

Ein Film mit Substanz

Von Dietrich Brüggemann Die Geschichte der Welt ist je nach Standpunkt eine Geschichte von Klassenkämpfen, Geschlechterkämpfen, Religionskämpfen, Völkerwanderungen, Eroberungskriegen – oder von Substanzen. Nicht von ungefähr kam die Aufklärung zeitgleich mit dem Kaffee nach Europa, nachdem die Menschen des Mittelalters jahrhundertelang im Biernebel vor sich hingedimpfelt hatten. China raucht, der Orient kifft, sämtliche Nazigrößen waren opiatabhängig, die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts sind auf Koks gebaut, Goethe trank gern Wein, jede große Erzählung hat ihre berauschenden Fußnoten, wobei es in der Natur der Sache liegt, daß man nie genau sagen kann, wieviel davon stimmt und ob hier nicht Henne und Ei verwechselt werden. So auch bei Hieronymus Bosch, dem zuweilen nachgesagt wird, er habe sich seine Höllenvisionen mit Hilfe von Stechapfel und Mutterkorn einfallen lassen, womit wir aber elegant beim Thema wären, denn der Mutterkornpilz, der auf Roggenähren wächst und im Mittelalter zahlreiche Menschen ums Leben brachte, enthält halluzinogene Substanzen, und es war eher ein Zufall, durch den der Basler Chemiker Albert Hofmann im Jahr 1943 daraus eine Substanz herstellte, von der beim Menschen schon Bruchteile eines Milligramms starke Bewußtseinsveränderungen auslösen.

Martin Witz hat nun einen Dokumentarfilm gedreht, der nicht mehr und nicht weniger tut, als die Geschichte des LSD getreu von Anfang bis Ende nachzuerzählen. Sein großes Glück ist, daß Albert Hofmann steinalt wurde – man sieht ihn im Film, kurz vor seinem 100. Geburtstag, geistig völlig klar, eine beeindruckende Erscheinung. Hofmanns Wunsch war, daß die Macht seiner Entdeckung in den Dienst der Wissenschaft und des Fortschritts gestellt würde, es gab ein paar vielversprechende Ergebnisse aus der Psychiatrie, es gab Alkoholiker, die nach einmaligem LSD-Konsum für ein halbes Jahr abstinent waren, es gab sogar Hinweise, daß schon eine einzige Dosis ausreicht, um das Weltbild eines Menschen ein Stück von paranoid nach entspannt zu verschieben, doch dann verselbstständigte sich alles, ein paar Hippies eierten mit einem knallbunt angemalten Schulbus durch die USA und brachten das Zeug unters Volk, dann unternahm ein stockseriöser Harvard-Professor namens Timothy Leary Selbstversuche und durchlief eine spektakuläre Wandlung zum blumenbehangenen Hippie-Guru. Hofmann und Leary, der durch seine penetrante Propaganda dem LSD letztendlich den Garaus machte, erscheinen hier wie Oberhäupter zweier verfeindeter Familien, zugleich sind beide Zeugen einer versunkenen Kultur, von der man spätestens nach diesem Film den Eindruck hat, daß sie ohne LSD ebensowenig denkbar gewesen wäre wie das Oktoberfest ohne Bier. Die Subkultur der Hippies erscheint uns heute so wahnsinnig weit weg, als hätte es sie nie gegeben, nur der knallbunt bemalte Schulbus rostet in einer Scheune in Kalifornien langsam vor sich hin und wird im Film stolz vorgeführt. Und an LSD wird neuerdings wieder vorsichtig geforscht. 2012-05-14 12:21

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